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Auswirkungen der Schichtarbeit

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Das Wichtigste im Überblick

  • Schichtarbeit kann die innere biologische Uhr aus dem Takt bringen.
  • Schlaflosigkeit kann zu depressiven Verstimmungen führen.
  • Aus arbeitswissenschaftlicher Sicht sollte die Nacharbeitszeit acht Stunden nicht überschreiten.
  • Einfache Schlafregeln können die Belastungen durch Schicht- und Nachtarbeit abmildern.
  • Interview mit Prof. Dr. Thomas Behrens vom Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA).
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Was macht Schichtarbeit eigentlich mit dem Körper, und warum kann es Schlafstörungen verursachen? Zu welchen Krankheiten kann die Schlaflosigkeit im schlimmsten Fall führen? Und vor allem: Wie sollten Schichtarbeiter damit umgehen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Mediziner und Epidemiologe Prof. Dr. Thomas Behrens. Was er dabei herausgefunden hat, erzählt er im Interview mit Hundert Prozent.

Auswirkungen Schichtarbeit, Prof. Dr. Thomas Behrens
Prof. Dr. Thomas Behrens, stellvertretender Institutsdirektor am Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Institut der Ruhr-Universität Bochum (IPA)

Welche Auswirkungen hat die Schichtarbeit auf die innere Uhr eines Menschen? Was könnten psychische und physische Folgen sein?

Prof. Dr. Thomas Behrens: Schichtarbeit, vor allem Nachtschichtarbeit, führt dazu, dass der Körper während der Nacht künstlichem Licht ausgesetzt ist. Über bestimmte Zellen im Auge werden insbesondere Signale des blauen Lichtspektrums an das Gehirn weitergegeben und dort zentral verarbeitet. Diese zentralen Hirnstrukturen synchronisieren aufgrund der empfangenen Lichtsignale sämtliche inneren biologischen Rhythmen des Körpers, die über verschiedene Hormone wie z.B. Melatonin, das vor allem bei Dunkelheit ausgeschüttet wird, gesteuert werden. Langfristig kann es dann zu einer anhaltenden Unterbrechung des körpereigenen Bio-Rhythmus kommen. Die innere Uhr kommt sozusagen aus dem Takt, was auch als circadiane Disruption bezeichnet wird.

Wie jeder Mensch individuell auf diese Störungen reagiert, hängt unter anderem vom individuellen Chronotyp ab, der sich hinsichtlich der mittleren Uhrzeit zwischen dem Einschlaf- und dem Aufwachzeitpunkt, dem Schlafmittelpunkt, unterscheidet. Beim Chronotyp können dabei grundsätzlich drei Hauptformen unterschieden werden: sogenannte Frühtypen („Lerchen“), intermediäre Typen und Spättypen („Eulen“). Frühtypen haben dabei keine Probleme früh aufzustehen, während Spättypen abends lange wach bleiben können, ohne ein Schlafdefizit zu entwickeln.

Naheliegende Folge eines Schlafdefizits ist eine chronische Übermüdung, die mit einem erhöhten Unfallrisiko einhergehen kann und mit der Gefahr von Fehlern bei der Arbeit, die gerade bei der Versorgung von Patienten oder pflegebedürftigen Menschen schwerwiegende Folgen haben können. 

Störungen der circadianen Hormonausschüttungen können zu Stressreaktionen (Cortisol) und über eine Verringerung des natürlichen Melatoninspiegels durch eine Exposition gegenüber Licht in der Nacht zu depressiven Verstimmungen führen. Darüber hinaus kann Schichtarbeit verschiedene Aspekte des sozialen, familiären und beruflichen Umfelds beeinträchtigen, z.B. zu Konflikten zwischen Arbeit, Familie und Freizeitgestaltung führen, die ebenfalls die psychische Gesundheit beeinträchtigen können.

Nacht- und Schichtarbeit können darüber hinaus zu Übergewicht durch unregelmäßige und nächtliche Nahrungsaufnahme und möglicherweise auch zu einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Auch Krebserkrankungen wie Brust-, Prostata- und Darmkrebs werden in der Literatur als Folgen von Schicht- und Nachtarbeit diskutiert.

 

Sind Schlafstörungen und Schlaflosigkeit eine Krankheit? Oder anders gefragt: Können sie eine Krankheit verursachen? Wenn ja, welche?

Prof. Dr. Thomas Behrens: In der Tat werden nicht-organische Schlafstörungen wie Schlaflosigkeit oder Schlafsucht in der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) mit einem eigenen Diagnoseschlüssel kodiert.

Eindeutig belegt ist der Zusammenhang zwischen Schlaflosigkeit und psychischen Erkrankungen, insbesondere depressiven Verstimmungen. Darüber hinaus wurde ein möglicher Zusammenhang mit Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems wie Herzinfarkt und Bluthochdruck beschrieben. Vereinzelt finden sich auch Hinweise für einen Zusammenhang mit Übergewicht und der Entwicklung eines Diabetes mellitus in der Literatur. Eine weitere mögliche Folge andauernder Schlafstörungen ist eine chronische Schwächung des Immunsystems mit vermehrten Krankheitsepisoden.

Eindeutig belegt ist der Zusammenhang zwischen Schlaflosigkeit und psychischen Erkrankungen, insbesondere depressiven Verstimmungen.

Prof. Dr. Thomas Behrens

Schlafstörungen und Schlaflosigkeiten verursachen Müdigkeit und Aufmerksamkeitsdefizite und führen häufig zu Fehlern, manchmal auch zu Unfällen am Arbeitsplatz. Was sollten Unternehmen und Mitarbeitende dagegen tun?

Prof. Dr. Thomas Behrens: Ich formuliere jetzt mal etwas salopp: „So wenige Nachtschichten wie möglich und nur so viele wie notwendig“. Aber natürlich gibt es hinsichtlich der Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten auch klare Regeln, die unter anderem im Arbeitszeitgesetz geregelt sind.

Aus arbeitswissenschaftlicher Sicht sollte die Nachtarbeitszeit grundsätzlich acht Stunden nicht überschreiten, die Zahl aufeinander folgender Nachtschichten auf maximal drei begrenzt werden und es sollten zwischen den Nachtschichten ausreichende Ruhezeiten von mindestens elf Stunden sowie beim Wechsel der Schicht Übergangszeiten von mindestens zwei bis drei Tagen gewährleistet sein. Nach Ansicht von Schlafforschenden ist eine sogenannte vorwärts rotierende Schichtabfolge (von früh nach spät) weniger belastend als rückwärts rotierende oder unregelmäßige Schichtsysteme.

Auch bei Schichtarbeit könnte ein flexiblerer Arbeitsbeginn ein möglicher Ansatz sein; zum Beispiel sollte die Frühschicht erst nach 6 Uhr morgens beginnen. Wünschenswert wäre natürlich, Schichtpläne so flexibel zu gestalten, dass für jeden Beschäftigten die individuell am besten angepasste Schichtform nach Chronotyp und Lebensalter gefunden wird.

Mögliche Präventionsmaßnahmen, um Ermüdungserscheinungen zu reduzieren, sind die Vermeidung unregelmäßiger und schnell wechselnder Schichtsysteme, erlaubte Kurzschlafperioden und ein Wechsel zu weniger komplexen Aufgaben während der Nacht. Auch kürzere Nachtschichten sind vorstellbar. Studien haben gezeigt, dass vor allem eine verstärkte kurzwellige Beleuchtung am Tag die Schlafqualität verbessern kann. Weitgehend ungeklärt ist auch, ob sich gesundheitliche Auswirkungen von Schichtarbeit durch moderne Beleuchtungssysteme am Arbeitsplatz verbessern lassen. Hierzu gibt es zurzeit mehrere Forschungsansätze am IPA.

Sind Power-Napping oder der Büroschlaf eine Lösung? Können medikamentöse Therapien helfen?

Prof. Dr. Thomas Behrens: Wie gesagt, kurze Schlafperioden während der Nacht werden als ein mögliches Vorgehen diskutiert, sind aber sicher als Einzelmaßnahme nicht ausreichend. Bei ausgeprägten medizinischen Schlafproblemen müssen weitergehende therapeutische Maßnahmen ergriffen werden, wie zum Beispiel Anleitungen zum gesunden Schlaf, Maßnahmen der Schlafhygiene, Erlernen von Schlafritualen, Beschränkung der Zeiten im Bett auf tatsächliche Schlafzeiten, Entspannungstechniken usw. Die nachgewiesen effektivste Therapie ist eine kognitive Verhaltenstherapie, also eine psychotherapeutische Einzel- oder Gruppentherapie.

Natürlich gibt es verschiedene Schlaf- und Beruhigungsmittel, die bei Schlaflosigkeit helfen können, aber insgesamt nur für einen kurzen Zeitraum eingenommen werden sollten. Die oben genannten Ansätze zur kognitiven Verhaltenstherapie für Schlaflosigkeit sind erfolgsversprechender.

Aus arbeitswissenschaftlicher Sicht sollte die Nachtarbeitszeit grundsätzlich acht Stunden nicht überschreiten.

Prof. Dr. Thomas Behrens

Was ist eigentlich der optimale gesunde Schlaf für einen Schichtarbeitenden? Worauf sollte dieser achten, wenn er beziehungsweise sie zu Bett geht? 

Prof. Dr. Thomas Behrens: Pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten, da Menschen verschieden sind und die Verträglichkeit von Schichtarbeit auch vom Chronotyp abhängt. „Gute“ Schlafregeln sind natürlich gerade bei Schichtarbeit häufig schwer einzuhalten. Es gibt aber ein paar einfache Verhaltensregeln, die mögliche Belastungen durch Schicht- und Nachtarbeit abmildern können. Hierzu zählen, dass der Schlafraum angenehm, ausreichend dunkel und ruhig sein sollte. Der Tag sollte entspannt ausklingen und vor dem Schlafen sollten schwere Mahlzeiten und koffeinhaltige Getränke, möglichst auch Alkohol vermieden werden, da diese den Körper belasten.

Generell gilt: Beschäftigte in Schichtarbeit sollten eine Anhäufung von Schlafdefizit vermeiden, also die Empfehlungen zur Schlafhygiene berücksichtigen. Sie sollten versuchen, ihre Schlafepisoden auf mehrere Schlafepisoden am Tag zu verteilen („Schlafen in Schicht“) und ihre Schichtpläne so zu steuern, dass möglichst wenige Stunden während der bevorzugten Schlafzeiten gearbeitet wird.

Das Poster zum Download

Infografik für Tipps zum guten Schlaf und Erholung (das PDF zum Download ist barrierefrei)

Nach einem erholsamen und ruhigen Schlaf sehnen sich vermutlich alle, die in Spät- oder Nachtschicht arbeiten müssen. Aber wie findet man den? Dafür haben wir in unserem Poster zum Download einige Tipps oder Regeln zusammengestellt.

Download Infografik: Guter Schlaf für Schichtarbeitende

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