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Handlungsfähig in Krisenzeiten

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Das Wichtigste im Überblick

  • Einen möglichst störungsfreien Betrieb trotz einer Krise und eine möglichst schnelle Erholung nach einer Störung: Das zeichnet technische Systeme aus, die eine hohe Resilienz aufweisen. 
  • Die Qualifizierung der Beschäftigten und vorbereitete Krisenpläne sind wichtig für die Resilienz eines Unternehmens, sagt Professor Alexander Stolz im Interview.
  • Alexander Stolz ist Keynotespeaker bei der BGHW-Fachtagung „Sicherheit und Gesundheit in der Warenlogistik“ vom 13. bis 15. September in Dresden.
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Was bedeutet technische Resilienz, und welchen Nutzen hat sie für Unternehmen: Das erklärt Professor Alexander Stolz vom Fraunhofer EMI im Interview mit HUNDERT PROZENT. Stolz hat den bundesweit einzigen Lehrstuhl für Resilienz Technischer Systeme an der Universität Freiburg inne. 

Herr Professor Stolz, Resilienz ist als Begriff erst in den letzten Jahren im Zusammenhang mit der menschlichen Gesundheit in die breite Öffentlichkeit gedrungen. Sie erforschen die Resilienz von sozio-technischen Systemen. Was ist darunter zu verstehen?

Prof. Stolz: Der Begriff kommt ursprünglich aus der Psychologie und bezeichnet die Widerstandsfähigkeit bei Krisen oder starken Herausforderungen. Man hat festgestellt, dass manche Menschen Krisen besser bewältigen können als andere. Wenn wir von Resilienz sozio-technischer Systeme sprechen, dann zielt dies auf einen möglichst störungsfreien Betrieb trotz einer Krise ab, beziehungsweise auf eine möglichst schnelle Erholung nach einer Störung. Ein vollständiges Versagen soll verhindert, und die wesentlichen Systemdienstleistungen sollen aufrechterhalten werden.

Was bedeutet das Wort „sozio“ in diesem Zusammenhang?

Prof. Stolz: Es geht nicht nur darum, die Technik eines Systems fehlertolerant oder widerstandsfähig zu gestalten. Der Mensch spielt bei der Betrachtung der Resilienz von technischen Systemen immer eine entscheidende Rolle. Qualifizierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben sowohl einen entscheidenden Einfluss auf die akute Krisenbewältigung in einem Unternehmen als auch auf die schnelle Erholung eines betroffenen Systems.

Die Covid-19-Pandemie zeigt , wie verwundbar unsere Systeme sind, die seit Jahrzehnten scheinbar selbstverständlich funktionieren.

Professor Alexander StolzFraunhofer EMI

Im Arbeitsschutz kennen wir Instrumente der systematischen Gefährdungsbeurteilung und in der Anlagensicherheit die Risikoanalyse. Was unterscheidet die Resilienzbetrachtung eines sozio-technischen Systems davon?

Prof. Stolz: Als auffälligstes Merkmal gehört zur Resilienz die Erholungsfähigkeit eines Systems. Dies betrifft also Vorsorgemaßnahmen, die eine schnelle Rückkehr zur Funktionalität der wesentlichen Systemdienstleistungen ermöglichen. Dazu beitragen können zum Beispiel Krisenpläne, finanzielle Rücklagen um möglichst schnell den Normalzustand wiederherzustellen oder Vorverträge mit B-Lieferanten, die greifen, wenn der A-Lieferant ausfällt. 

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zu üblichen Risikoanalysen ist, dass die Resilienzbetrachtung nicht nur die wahrscheinlichen Ereignisse genauer betrachtet, sondern auch die sehr unwahrscheinlichen und sich insbesondere darauf fokussiert, das Verständnis der Ursache-Wirkungsprinzipien in einer immer komplexer werdenden, global vernetzten Welt wieder herbeizuführen. Denn stark vereinfacht ausgedrückt, kann der sprichwörtliche Sack Reis, der in China umfällt, heutzutage Auswirkungen auf unsere Lieferketten haben. Im Jahr 2011 hat eine Überflutung von Produktionsstätten in Thailand das Angebot von Festplatten spürbar eingeschränkt. Im März hat das Containerschiff Ever Given den Suezkanal fast eine Woche lang blockiert. Auch dies hatte in Europa eine Verknappung von Gütern zur Folge. Resilienz bedeutet, darauf so vorbereitet zu sein, dass die wesentlichen Systemdienstleistungen erhalten bleiben oder wenigstens mit reduzierter Leistung fortgeführt werden können.

Gilt dies auch für die Coronakrise?

Prof. Stolz: Die Covid-19-Pandemie zeigt ebenfalls, wie verwundbar unsere Systeme sind, die seit Jahrzehnten scheinbar selbstverständlich funktionieren. Die Gefahr einer Pandemie war bekannt, und dennoch waren wir sicherlich nicht optimal darauf vorbereitet. Resilienzforschung kann helfen, dass wir künftig auf Katastrophen dieser Art vorbereitet sind. Sie bezieht eben auch seltene, eher unwahrscheinliche Ereignisse in eine Systembetrachtung mit ein. Sie untersucht den kompletten Systemaufbau, sucht nach neuralgischen Punkten und empfiehlt Maßnahmen, um gegenzusteuern. Dies kann auch die Sensibilisierung unserer Gesellschaft beinhalten, um Verhaltensänderungen und Vorsorgemaßnahmen zu fördern.

Es gibt Maßnahmen, um die Resilienz zu steigern, die nicht kostenintensiv sind. Hierzu zählt zum Beispiel die Schulung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Professor Alexander StolzFraunhofer EMI

Das hört sich sehr aufwändig an. Steht Resilienz in Konkurrenz zur Wirtschaftlichkeit?

Prof. Stolz: Nein, ganz sicher nicht. Der Leistungsverlust beim Ausfall eines sozio-technischen Systems lässt sich monetarisieren. Je wichtiger ein System ist, funktional oder marktwirtschaftlich, desto mehr werde ich als Unternehmer in die Verfügbarkeit dieses Systems investieren. Hier gilt es einen Kompromiss zwischen Aufwand und Nutzen zu finden. Darüber hinaus gibt es Maßnahmen, um die Resilienz zu steigern, die nicht kostenintensiv sind. Hierzu zählen zum Beispiel die Schulung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie das Aufstellen von Krisenplänen. Darin werden wichtige Fragen geklärt, zum Beispiel: Wen holen wir jetzt zu Hilfe? Wer kann als Lieferant B einspringen? Gibt es Vorverträge? Aber auch die vorausschauende Planung bei neuen Projekten zahlt sich aus. Nehmen Sie die Planung einer einfachen Mauer, die ein Gebäude in der Nähe eines Flusses vor Überflutungen schützen soll. Ich kann als Besitzer die Stärke der Mauer nach heutigen Wahrscheinlichkeiten eines Schadenausmaßes planen, das Fundament jedoch massiver auslegen. Das wird die Kosten nicht spürbar in die Höhe treiben. Sollte sich das Schadenrisiko in den folgenden Jahrzehnten erhöhen, muss ich nur die Mauer ersetzen und nicht das Fundament. Ich kann also mit weniger Aufwand und damit schneller und kostengünstiger auf eine verschärfte Risikolage reagieren. Diese Denkweise lässt sich auf beliebige Projekte übertragen.

Welche Empfehlungen geben Sie kleinen und mittleren Unternehmen?

Prof. Stolz: Wie wichtig die Qualifizierung der Beschäftigten und vorbereitete Krisenpläne sind, habe ich bereits erwähnt. Dies lässt sich in Betrieben jeder Größe umsetzen. Stellen Sie sich darüber hinaus die Frage, wo die Schwachstellen im System sind. Was legt bei Ausfall das gesamte System lahm? Für kleine und mittlere Unternehmen hat das Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik, Ernst-Mach-Institut (EMI) den Resilience Evaluator (FReE) entwickelt. Der Fragebogen steht nach vorheriger Registrierung im Internet zur Verfügung.

Prof. Alexander Stolz ist Abteilungsleiter für den Bereich Sicherheit und Baulicher Schutz am Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik, Ernst-Mach-Institut, EMI, in Freiburg. Dort befasst er sich seit zwölf Jahren mit quantitativen Gefährdungs-, Risiko- und Resilienzanalysen für Schadensereignisse, wie zum Beispiel Explosionen oder Extremwetter in urbanen Räumen oder kritischen Infrastrukturen. 

Im November 2020 wurde Stolz auf die deutschlandweit einzige Professur für Resilienz Technischer Systeme an der Technischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg berufen.

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