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Helmtragen noch nicht sexy

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Die Unfälle mit Radfahrern steigen weiter an. Was sind die Ursachen dafür? Prof. Michael Raschke hat mehr als 2.500 Fahrradunfälle untersucht und dabei Fakten herausgefunden, die nicht nur eine Warnung für ältere Pedelec-Fahrer sein sollten. 

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Nachgefragt bei Prof. Dr. Michael Raschke

Im Jahr 2013 haben Sie mehr als 2.500 Fahrradunfälle untersucht. Sie haben Ihre Studie inzwischen fortgesetzt. Was hat sich seitdem verändert?

Raschke: Die Unfälle mit Radfahrerenden sind in absoluten Zahlen weiter gestiegen, weil das Fahrrad als Verkehrsmittel heute noch beliebter ist als 2013. Dabei erkennen wir einen klaren Trend: Es verletzen sich mehr ältere Menschen, die mit dem Fahrrad unterwegs sind – vor allem Pedelec-Fahrerinnen und -Fahrer ab 64 Jahren. Allein 2019 gab es in Deutschland insgesamt 10.500 Pedelec-Fahrer, die sich verletzt haben. Davon wurden 118 bei einem Unfall sogar getötet. 

 

Was sind die Gründe dafür?

Raschke: Das hängt sicherlich mit dem demografischen Wandel zusammen. Die älteren Menschen wollen mobil sein, und das Pedelec verschafft ihnen dazu die Möglichkeit. Das ist auch gut so. Aber: Ältere Menschen sind mit dem Pedelec einfach zu schnell unterwegs und das überfordert sie. Bei den E-Scootern konnten wir dagegen noch nicht so viele Unfälle registrieren. Auffällig ist hier bisher: Die meist jüngeren E-Scooter-Nutzer sind abgelenkt, weil sie gleichzeitig fahren und aufs Handy gucken. Aber so detailliert wie beim Fahrrad haben wir Unfälle mit dem E-Scooter noch nicht erfasst.
 

Welche Verletzungen treten bei Radfahrunfällen auf?

Raschke: Wir sehen Verletzungen aller Art. Hautabschürfungen gehören noch zu den leichteren Verletzungen. Das Tragen von Handschuhen könnte das verhindern. Typisch sind Frakturen von Schlüsselbein und Handgelenk, aber auch von Wirbelsäule und Becken. Die schwersten sind die Kopfverletzungen. Deswegen mein klarer Appell: Tragen Sie einen Helm, damit Sie Ihren Kopf schützen.

 

Wie? Tragen Radfahrer immer noch so selten einen Helm?

Raschke: Ich bin immer wieder entsetzt, wie wenig er getragen wird. Gerade bei Schülern und jungen Erwachsenen fällt mir das auf. Ich bin oft mit der Polizei in Schulen, um auf die Wichtigkeit des Helmtragens hinzuweisen. Anfangs sind die Schüler über die schweren Kopfverletzungen betroffen. Doch kurze Zeit später haben sie das wohl wieder vergessen. Leider ist das Tragen eines Helms immer noch nicht sexy genug.

 

Helmtragende haben häufiger sehr schwere Kopfverletzungen. Woran liegt das?

Raschke: Das sind meistens Rennradfahrer, die mit hoher Geschwindigkeit gestürzt sind und sich trotz Helms schwere Kopfverletzungen zugezogen haben. Der Helm hat in diesen Fällen sogar noch schwerere Verletzungen verhindert.

 

Eine weitere Ursache für Radfahrunfälle sind parkende Autos. Können Sie das bestätigen?

Raschke: Ja, das sehen wir jetzt häufig: Eine sich plötzlich öffnende Autotür verursacht schwere, ja sogar tödliche Unfälle von Radfahrerinnen und Radfahrern. Deswegen unterstütze ich die Kampagne für den holländischen Griff. Denn wenn man ehrlich ist, praktiziert man den als Autofahrer noch viel zu selten.

 

Auch das Fehlverhalten von Radfahrern ist eine Unfallursache. Wie kann man das reduzieren?

Raschke: In Münster kontrolliert die Polizei sehr stark den Radverkehr. Was gerechtfertigt ist, angesichts der wachsenden Zweiradmobilität. Bessere Kontrollen sind also ein Ansatz, ein weiterer: Schulungen und Trainings. Das gilt besonders für ältere Verkehrsteilnehmer, die auf Pedelecs unterwegs sind. Sie könnten schon beim Kauf des teuren Geräts durch den Fahrradhändler geschult werden, damit sie ihr Pedelec im Verkehr besser beherrschen.

 

Und wie wichtig sind Kampagnen, um die Verkehrssicherheit zu fördern?

Raschke: Das Bewusstsein muss geschärft werden und zwar generell in allen Altersstufen. Es muss also überall darauf aufmerksam gemacht werden, ob durch TV-, Radio- oder Kinowerbung. Jeder Cent, der in diese Kampagnen hineingesteckt wird, ist gut investiert. 

HUNDERT PROZENT vor Ort: Beim Präsidenten der Deutschen Unfallchirurgie Prof. Dr. Michael Raschke

Prof. Dr. Michael Raschke (61) ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie an der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster

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