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Individuelles Gesundheitspaket statt Aufgabe des Berufs

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Das Berufkrankheitenrecht wird modernisiert. Die BGHW sieht die Änderungen positiv. Ein Interview mit Marita Klinkert, Mitglied der Geschäftsführung der BGHW. Sie ist für die Geschäftsbereiche Rehabilitation und Leistung sowie Mitgliedschaft und Beitrag zuständig. 

Symbol für Achtung

Eine der wichtigsten Neuerungen im überarbeiteten Berufskrankheitenrecht, das seit 1. Januar gilt: Der Unterlassungszwang ist gestrichen. Das ist der Zwang, die schädigende Tätigkeit aufzugeben, damit die Erkrankung als Berufskrankheit anerkannt werden kann. Stattdessen wird auf eine verstärkte Individualprävention gesetzt. Das sind gezielte Gesundheitsmaßnahmen am Arbeitsplatz, an denen sich die Betroffenen aktiv beteiligen.

 

 

Porträt von Marita Klinkert, Geschäftsführerin der BGHW
Marita Klinkert, Geschäftsführerin der BGHW

Frau Klinkert, was bedeutet die Änderung des Berufskrankheitenrechts für die BGHW?

Die Reform des Berufskrankheitenrechts bringt eine Reihe von Änderungen mit sich, die wir durchaus positiv bewerten. Da ist zum Beispiel der Wegfall des Unterlassungszwangs bei gleichzeitiger Stärkung der Individualprävention. Lassen Sie mich das am Beispiel Hauterkrankungen erklären: Pro Jahr gehen rund 4.000  Verdachtsanzeigen auf eine Berufskrankheit bei der BGHW ein. Etwas mehr als 40 Prozent davon betreffen Hauterkrankungen.

Früher war es so: Bestätigte sich der Verdacht, dass eine beruflich bedingte Hauterkrankung vorliegt, dann konnte diese nicht ohne weiteres als Berufskrankheit anerkannt werden. Vielmehr war es erforderlich, dass die Betroffenen den schädigenden Job aus medizinischen Gründen aufgeben mussten und dies faktisch auch taten. Durch die Gesetzesänderung ist die Berufsaufgabe nicht mehr notwendig: Mit dem passenden, individuellen Gesundheitspaket können die Versicherten an ihrem Arbeitsplatz bleiben. Die Hauterkrankung kann hiervon unabhängig als Berufskrankheit anerkannt werden.

Wie wird dieses Gesundheitspaket geschnürt, und wer ist daran beteiligt?

Alle ziehen an einem Strang. Ich nenne das Prävention im Dreierverbund: Da haben wir zunächst die Arbeitgeber – sie sind unverändert vorrangig für den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz zuständig. Dann kommen die Versicherten – ihre Verantwortung für die eigene Gesundheit wird durch die aktive Teilnahme an Maßnahmen der Individualprävention gestärkt und auch eingefordert. Und zu guter Letzt kommen die Fachleute der BGHW ins Spiel, die individuell beraten und gemeinsam mit Arbeitgebern und Versicherten Gesundheitsangebote entwickeln. Im Falle der Hauterkrankungen können das beispielsweise Beratungen am Arbeitsplatz sein oder fachärztlich begleitete Hautschutzseminare. Hier kann die BGHW ihre Stärke ausspielen – Vorsorge, Beratung und Rehabilitation, alles aus einer Hand. 

Was tut die BGHW, um die Möglichkeiten der Individualprävention weiter auszubauen?

Im Moment arbeiten wir daran, Maßnahmen verstärkt digital anzubieten, um diese für unsere Versicherten einfach und flexibel nutzbar zu machen. So ist zum Beispiel der erweiterte Einsatz von Apps und Webinaren geplant. Daneben bauen wir unsere Beratungsangebote vor Ort aus. Zum Beispiel werden wir bundesweit  Atemwegssprechstunden installieren. Versicherte mit Atemwegserkrankungen können sich dort von Fachärzten und BG-Spezialisten beraten lassen.

Wie wird sich das Berufskrankheitenrecht in Zukunft weiterentwickeln?

Die Reform des Berufskrankheitenrechts beinhaltet noch einiges mehr als nur den Wegfall des Unterlassungszwangs. In Zukunft können wir davon ausgehen, dass neue Berufskrankheiten schneller und in einem transparenteren Verfahren in die Berufskrankheitenliste aufgenommen werden. Der Ärztliche Sachverständigenbeirat Berufskrankheiten, der die Bundesregierung hierbei als internes Beratungsgremium unterstützt, wird deshalb institutionalisiert. Zur Unterstützung dieses Beirats wird zudem bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) eine Geschäftsstelle aufgebaut, deren Aufgabe es ist, wissenschaftliche Vorarbeiten für die Beratungen im Sachverständigenbeirat zu leisten.

Im Juni 2020 wurde das Siebte Gesetz zur Änderung des Vierten Buches Sozialgesetzbuch verkündet. Teil dieses umfangreichen Gesetzes sind auch eine Reihe von Maßnahmen, mit denen das Berufskrankheitenrecht fortentwickelt wird. Zentrale Punkte sind der Wegfall des bei bestimmten Berufskrankheiten bestehenden Unterlassungszwangs sowie eine höhere Transparenz und Beschleunigung der Beratungen über neue Berufskrankheiten. Dies wird erreicht durch die rechtliche Verankerung und stärkere Unterstützung des Ärztlichen Sachverständigenbeirats Berufskrankheiten. 

Symbol für einen Hinweis im Gesetz

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