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Kein gutes Klima im Verkehr

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Eine alltägliche Szene auf Deutschlands Straßen: Ein Rad- und ein Autofahrer beschimpfen sich. Was war da los? Was nervt den einen am anderen? Gibt es dafür eine Lösung? Eine Expertin, ein Experte, zwei Meinungen: Kerstin Haarmann, Bundesvorsitzende des Verkehrsclubs Deutschland, und Gerhard Hillebrand, Verkehrspräsident des ADAC, im Gespräch.   

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Alltag auf Deutschlands Straßen: Ein Rad- und ein Autofahrender beschimpfen sich
Alltag auf Deutschlands Straßen: Ein Rad- und ein Autofahrender beschimpfen sich.

Gerhard Hillebrand: Hallo Frau Haarmann, schön, dass wir uns mal persönlich kennenlernen. Wissen Sie, was mir kürzlich passiert ist, als ich mit dem Auto unterwegs war? Da schlängelte sich auf der Straße doch ein Radfahrer an mir vorbei, ohne den ausgewiesenen Radweg zu benutzen, und beschimpfte mich. Das passiert mir jetzt oft. Diese rasenden Radfahrenden ärgern und nerven mich. Was kann man dagegen tun?

Kerstin Haarmann: Ich beobachte das auch. Das Verkehrsverhalten von Radfahrern und von rücksichtslosen Autofahrern ist in den Städten sehr rechthaberisch geworden, weil der Verkehr zunimmt. Der Platz wird einfach knapp. Die Infrastruktur ist dafür aber überhaupt nicht ausgelegt, besonders nicht für Radfahrer. Das nervt uns. Immer öfter werden die Radwege von Autos zugeparkt, Autofahrer nehmen beim Rechtsabbiegen den Radfahrern die Vorfahrt oder halten den Mindestabstand nicht ein. Das ist gefährlich und trägt nicht zum guten Verkehrsklima auf Deutschlands Straßen bei.

Das Verkehrsverhalten ist sehr rechthaberisch geworden.

Kerstin HaarmannBundesvorsitzende des VCD

Gerhard Hillebrand: Ich weiß nicht, ob das nur an der fehlenden Infrastruktur liegt. Das klingt mir zu einfach. Wir müssen einfach mehr Verständnis und Fairness füreinander entwickeln. Nehmen wir das Autofahren. Das ist eine sehr komplexe Angelegenheit und fordert vom Autofahrer eine hohe Konzentration. Besonders in der Stadt steht er ständig unter Stress. Und wenn dann ein anderer Verkehrsteilnehmer sich nicht an Regeln hält, entlädt sich der Stress in Wut und Aggression. Meist kommt es dann zum ersten Rechtsgespräch an der roten Ampel und die Situation eskaliert. Wie man das verhindern kann? Zum Beispiel, indem man seine Fahrt zeitlich besser organisiert, sich schlicht und einfach an Verkehrsregeln hält oder auch mal einen Fehler des anderen verzeiht.

Wir müssen einfach mehr Verständnis und Fairness füreinander entwickeln.

Gerhard HillebrandVerkehrspräsident des ADAC

Kerstin Haarmann: Natürlich ist der von Ihnen genannte Faktor Stress ein Grund für das aggressive Verkehrsklima. Es wäre nur zu schön, wenn eine fehlerverzeihende Verkehrsinfrastruktur und -kultur helfen würde, diese Grundstimmung abzumildern. Dennoch: Es ist einfach zu eng in den Städten. Der Platz muss neu verteilt werden und zwar zugunsten der Radfahrer und Fußgänger. Außerdem haben diese keine Knautschzone

Gerhard Hillebrand: Natürlich sind Radfahrer und Fußgänger die schwächeren Verkehrsteilnehmer. Aber wenn wir deren Verkehrssicherheit erhöhen wollen, müssen wir zunächst den Zustand der Radwege verbessern oder Knotenpunkte an Straßenecken so gestalten, dass Radfahrer von Autofahrern besser und eher gesehen werden. Eine Umverteilung des Verkehrsraums kann aber nur sozialverträglich geschehen, weil die Fläche in den Städten ja nicht größer wird. Wenn eine Gruppe zum Beispiel mehr Platz für Pop-up-Radwege, also für kurzfristig eingerichtete Radwege, wie jetzt in Berlin einfordert, geht das immer zulasten der anderen Verkehrsteilnehmer und sorgt nicht gerade für eine verträgliche Lösung. Dafür benötigt man ein städtisches Gesamtkonzept mit einem attraktiven Personen-Nahverkehr, der individuell auf jede Stadt zugeschnitten ist.

Kerstin Haarmann: Sind die Autofahrer überhaupt bereit dazu?

Die Autofahrer sind die einzigen, die Raum abgeben können.

Gerhard HillebrandVerkehrspräsident des ADAC

Gerhard Hillebrand: Aufgrund der baulichen Gestaltung der Straßen sind die Autofahrer ja die einzigen, die abgeben können. Das kann man heute zwar anordnen, es wird aber aus politischen und menschlichen Gründen auf erheblichen Widerstand stoßen. Deswegen ist unser Ansatz ein Gesamtkonzept, das wir gemeinsam mit der Politik entwickeln möchten.

Kerstin Haarmann: Es wäre schön, wenn die Politik schon so weit wäre. Das ist sie aber noch nicht. Deswegen fordern wir vom VCD zusätzlich „Knolle statt Knöllchen“, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Bußgelder müssen wehtun, damit die Einsicht bei allen Verkehrsteilnehmern wächst, Regeln einzuhalten und Menschenleben zu schützen. Übrigens auch bei den Radfahrenden!

Knolle statt Knöllchen – Bußgelder müssen wehtun.

Kerstin HaarmannBundesvorsitzende des VCD

Gerhard Hillebrand: Auweia, das teile ich nur bedingt. Rad- und Autofahrer sollten viel öfter Trainings und Schulungen besuchen. Bei Kindern beobachte ich jetzt häufig, dass sie nicht gut Fahrradfahren können. Das kann man nur durch viel Üben verbessern. Und in den Fahrschulen sollte vermehrt der holländische Griff geschult werden, um Unfälle zwischen Radfahrern und parkenden Autos zu vermeiden. Älteren Verkehrsteilnehmer empfehle ich, das Angebot des ADAC für einen Fahr- und Fitnesscheck zu nutzen, auch um auf dem neusten Stand der Verkehrsregeln zu bleiben. Kurz und gut: Wir setzen mehr auf Einsicht als auf Strafen.     

Kerstin Haarmann: Ich bin mit Ihnen da einer Meinung: Wir müssen alle Verkehrsteilnehmer über richtiges Verhalten und aktuelle Regeln, zum Beispiel zu Fahrradstraßen, kontinuierlich und spielerisch aufklären. Beispielsweise über Comics auf der Müslipackung.

Gerhard Hillebrand: Eine schöne Idee. Dann packen wir es gemeinsam an.

Kerstin Haarmann ist Betriebswirtin und Juristin ist Bundesvorsitzende des ökologischen Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Bis 2005 war sie Chefjustitiarin beim IT-Konzern Wincor Nixdorf in Paderborn. Danach war sie unter anderem Geschäftsführerin zweier Umweltverbände.

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Gerhard Hillebrand ist Verkehrspräsident des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs (ADAC) ist Rechtsanwalt in Neumünster und Fachanwalt für Verkehrsrecht. 

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