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Krank zur Arbeit gehen... keine gute Idee

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Krank zur Arbeit gehen? Keine gute Idee – gerade in Zeiten von Corona. Über Krankheitsanzeichen und den Umgang damit. Ein Interview mit Dr. Maria Heitkemper, Arbeitsmedizinerin bei der BGHW.

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Ein Kratzen im Hals, ein leichtes Hüsteln – wird schon nicht so schlimm sein, oder? Solche Gedanken schwirren Beschäftigten durch den Kopf, wenn sie pflichtbewusst, aber krank auf der Arbeit erscheinen. Doch dieser Präsentismus ist gefährlich, besonders im Winter zur Erkältungszeit.

Dr. Maria Heitkemper ist Arbeitsmedizinerin bei der BGHW
Arbeitsmedizinerin Dr. Maria Heitkemper, BGHW

Die Gründe, krank zur Arbeit zu gehen, sind vielfältig. Dabei geht es um Pflichtbewusstsein oder die Angst vor den Arbeitsbergen, die sich während der Abwesenheit anhäufen. Auch die Angst um den Job oder gut gemeinte Rücksichtnahme auf Kolleginnen und Kollegen verleiten dazu. Obwohl ein solcher Präsentismus weit verbreitet ist und teilweise als vorbildlich wahrgenommen wird, können seine Auswirkungen gerade das Gegenteil der guten Absicht bewirken, meint Dr. Maria Heitkemper, Arbeitsmedizinerin bei der BGHW. In der Corona-Pandemie ist gerade zur Erkältungszeit lieber mehr Vorsicht als zu wenig angesagt, um Ansteckungen zu vermeiden.

 

Frau Dr. Heitkemper, was sollte ich beachten, wenn ich Krankheitssymptome wie Halsschmerzen oder Husten habe? Muss ich gleich zum Corona-Test?

Das Coronavirus SARS-CoV-2 kann die meisten Symptome verursachen, die auch bei einer banalen Erkältung oder einer echten Grippe auftreten, wie Husten, Fieber, Gliederschmerzen, Schnupfen oder auch nur eine verstopfte Nase. Allerdings gibt es auch weitere, für diese anderen Erkrankungen untypische Erscheinungen, wie etwa den häufig genannten Geschmacksverlust. Bei einem milden Verlauf kann zum Beispiel eine verstopfte Nase das einzige spürbare Symptom sein. Letztendlich muss der Arzt oder die Ärztin im Einzelfall abklären, ob und wann ein Abstrich-Test durchgeführt werden muss.

Wer sich krank fühlt, sollte auf jeden Fall erst einmal nicht zur Arbeit gehen...“

Was raten Sie dann Beschäftigten, die unsicher sind und überlegen, wie sie sich am besten verhalten sollen?

Wer erkältet ist oder sich krank fühlt, sollte auf jeden Fall erst einmal nicht zur Arbeit gehen, sondern sich telefonisch krank melden und sich – ebenfalls erst einmal telefonisch – mit der Hausarztpraxis in Verbindung setzen. Die weiteren medizinisch notwendigen Schritte werden von dort aus abgeklärt. Ich rate davon ab, selbst eine Wahrscheinlichkeitsabschätzung vorzunehmen, ob eine Infektion mit SARS-CoV-2 vorliegen kann und im Zweifelsfall einfach zur Arbeit in den Betrieb zu gehen. Erkrankte sollten sich bei jeder Art von Infekt zu Hause auskurieren bis die Gesundheit wieder voll hergestellt ist und keine Möglichkeit mehr besteht, andere anzustecken. Dies sollte von Führungskräften in den Betrieben aktiv kommuniziert und vorgelebt werden.  

 

Mittlerweile gibt es Übersichten und Online-Tools, die bei der ersten Einschätzung von Symptomen helfen. Was halten Sie davon?

Der ärztliche Bereitschaftsdienst setzt auf seiner Internetseite zum Coronavirus den Covid-Guide zur Corona-Verdachtsfallprüfung ein. Diese Hilfe unterstützt Menschen mit Erkältungs- oder Grippesymptomen darin, die nächsten Schritte in der richtigen Reihenfolge zu tun. Zum Beispiel nicht direkt die nächstgelegene Teststelle anzusteuern, sondern sich bei milderen Symptomen erst einmal in hausärztliche Behandlung zu begeben. Oder bei schwereren Symptomen gleich den Rettungsdienst zu alarmieren. Es ermöglicht aber in keiner Weise eine Selbstdiagnose, schon gar nicht den Ausschluss von COVID-19. Für die Entscheidung, ob ich mit Erkältungssymptomen zuerst ärztlichen Rat einhole oder ohne weitere Rücksprache einfach zur Arbeit gehe, sind solche Tools weder gedacht noch geeignet.

 

Was sollte ich tun, wenn ich Kontakt zu einem bestätigten Coronafall hatte?

In den meisten Fällen werden Kontaktpersonen über das Gesundheitsamt ermittelt oder auch über die Corona-Warn-App benachrichtigt. Für Betroffene ist es ratsam, zunächst einmal das persönliche Infektionsrisiko abschätzen: Bestand ein enger Kontakt, beispielsweise durch ein längeres Gespräch ohne Maske und mit weniger als 1,5 Metern Abstand? Fand der Kontakt in einem geschlossenen Raum statt? Was ist über die Raumlüftung bekannt? Das Gesundheitsamt entscheidet im Einzelfall über Quarantäne und einen möglichen Abstrich-Test. Jedoch geht das  nicht immer zeitnah und manche Kontakte werden dem Gesundheitsamt gar nicht bekannt. Deshalb ist eine vorsorgliche Selbstisolierung und Selbstbeobachtung auf Symptome ratsam. Spätestens, wenn Symptome auftreten, sollte das Gesundheitsamt oder die Hausärztin beziehungsweise der Hausarzt in Eigeninitiative kontaktiert werden.

 

Stichwort „Kontakttagebuch“: Warum ist dieses Hilfsmittel so nützlich?

Im Fall eines positiven Testergebnisses stellen sich Betroffene die bange Frage, ob sie andere Menschen angesteckt haben könnten und woher die eigene Infektion rührt. Zwischen dem Zeitpunkt der Infektion und dem Erhalt des Testergebnisses können eine Woche oder mehr vergehen. So weit reicht bei den meisten von uns das Gedächtnis für detaillierte Tagesabläufe nicht zurück. Deshalb ist ein Kontakttagebuch eine gute Gedächtnisstütze. Mittlerweile beinhaltet auch die Corona-Warn-App ein solches. Darin muss nicht der komplette Tagesablauf protokolliert werden. Es reicht aus, jeden Abend Situationen mit Menschenansammlungen in Gebäuden oder engere Kontakte wie Gespräche ohne Mund-Nasen-Schutz und mit zu geringem Abstand zu notieren. Im Falle einer Kontaktnachverfolgung durch das Gesundheitsamt ist ein solches Tagebuch eine enorme Arbeitserleichterung.

 

Was können wir selbst tun, um bestmöglich durch den Winter zu kommen?

Die überwiegende Zahl der Übertragungen erfolgt über die eingeatmete Luft: Entweder durch direkt anfliegende Tröpfchen vom Gegenüber oder über das Einatmen virenhaltiger Aerosole, die sich in der Luft angereichert haben. Die Gefahr einer direkten Übertragung von Tröpfchen beim Sprechen wird bereits durch Abstand halten – mindestens 1,5 Meter – und das Tragen von Mund-Nasen-Schutz reduziert. Dies gilt natürlich nicht nur für Tätigkeiten, die eine räumlich enge Zusammenarbeit erfordern, sondern auch für Arbeitspausen. Wer zum Beispiel bei einer gemeinsamen Kaffee- oder Raucherpause keinen Mund-Nasen-Schutz tragen kann, muss den Mindestabstand umso genauer einhalten. Vorsicht gilt auch bei Fahrgemeinschaften sowie bei der gemeinsamen Benutzung von Aufzügen, Teeküchen oder sanitären Anlagen. Wichtig sind darüber hinaus die Hygieneregeln, wie das gründliche Händewaschen oder -desinfizieren. Außerdem hilft die Nutzung der Corona-Warn-App dabei, Infektionsketten zu unterbrechen.

Welche Rolle spielt das Lüften beim Infektionsschutz?

In geschlossenen Räumen kommt es darauf an, dass sich Aerosole nicht anreichern können. Dagegen hilft besonders gut, die Raumluft sehr häufig durch Frischluft zu ersetzen – sprich: intensiv zu lüften. Lüftungsintervalle und -dauer sollten dabei an die Raumgröße, Personenzahl und auch die Tätigkeit angepasst werden. Praktische Empfehlungen zum Lüftungsverhalten an Innenraumarbeitsplätzen liefert ein Merkblatt der DGUV.

Lüften – aber richtig!

Lüften ist wichtig während der Corona-Pandemie
Beim Infektionsschutz wichtig: regelmäßiges Lüften

Husten, Sprechen, Niesen oder einfach nur Ausatmen – das Coronavirus SARS-CoV-2 wird vor allem über Tröpfchen und feinste luftgetragene Flüssigkeitspartikel, sogenannte Aerosole, übertragen. In geschlossenen Räumen sinken Tröpfchen aufgrund ihrer Größe schnell zu Boden, doch Aerosole können sich in der Luft ansammeln und im ganzen Zimmer verteilen. Arbeiten Menschen in schlecht oder nicht belüfteten Büros, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Infektion, selbst wenn der Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen den Beschäftigten eingehalten wird. Regelmäßiger Luftaustausch hilft, die Viruslast zu senken. Deshalb gilt grundsätzlich: Es sollte häufig und ausgiebig gelüftet werden. Dazu sollten die Fenster möglichst komplett geöffnet und nicht nur gekippt werden. Ein Indikator für eine gute Raumluft ist die CO2-Konzentration im Raum. Die gesetzliche Unfallversicherung hat eine CO2-App entwickelt. Mit ihr lässt sich die CO2-Konzentration in Räumen überschlägig berechnen und die optimale Zeit und Frequenz zur Lüftung des jeweiligen Raumes bestimmen.

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