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Nachtmenschen

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Das Wichtigste im Überblick

  • In Deutschland arbeiten etwa 4,5 Millionen Menschen in der Nacht. Werden sie überhaupt nicht müde?
  • Eine Reportage über die Nachtschichtarbeiter im Deutschen Zentrallager des Duisburger Stahlrohrgroßhändlers Van Leeuwen
  • Zwei Logistik-Facharbeiter erzählen, wie sie ihre innere biologische Uhr an die wechselnde Schichtarbeit anpassen.
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Arbeitszeiten zwischen 18 und 7 Uhr – das ist in der heutigen Arbeitswelt  nicht selten. Allein in Deutschland arbeiten etwa 4,5 Millionen Menschen in der Nacht. Was machen sie, wenn wir schlafen? Werden sie überhaupt nicht müde? HUNDERT PROZENT hat diese besonderen Menschen getroffen und beobachtet – während der Nachtschicht im Duisburger Zentrallager des Stahlrohrgroßhändlers Van Leeuwen.

Nachts, wenn die meisten Menschen schlafen, ist im Deutschen Zentrallager des Duisburger Stahlrohrgroßhändlers Van Leeuwen richtig was los: Auf einer Fläche so groß wie zwei Fußballfelder transportieren, verpacken und sortieren zwölf Männer Stahl in unterschiedlichen Formaten und Längen – es sind geschweißte Präzisionsstahlrohre, Zylinderrohre, Kolbenstangen, Hohlprofile und, und, und. Kunden aus dem Maschinenbau, der Automobil- und der Baubranche haben das bestellt. Pünktlich ab 6 Uhr morgens stehen die Bestellungen zum Abholen bereit. „Wir stellen in drei Schichten rund um die Uhr Ladungen zusammen“, erzählt Heiko Reinhold, Leiter HSE-Management bei Van Leeuwen Deutschland, und ergänzt: „Täglich bringen wir viele Tonnen Stahl auf die Straße und lagern viele Tonnen ein.“ 

Höchste Konzentration

Udo Borsutzki, Logistik-Facharbeiter, steuert per Fernbedienung einen Deckenkran.

Picking – so nennt die Logistikbranche die Tätigkeit der Männer in den blauen Overalls. Es ist ein komplexer und zeitaufwändiger Vorgang: Die bestellten Waren werden aus dem Lager entnommen, verpackt, gescannt, geprüft und anschließend zu einer Lieferung zusammengestellt. „Das funktioniert quasi wie das Computerspiel Tetris – nur auf einem viel höheren Niveau, weil Aspekte wie die Ladungssicherheit zu beachten sind“, sagt Reinhold. Für das Picking stehen bei Van Leeuwen natürlich viele moderne Lösungen und technische Geräte parat – angefangen vom vollautomatischen Hochregallager mit seinen 9.999 Kassetten über Gabelstabler und Hubwagen bis zu den zwölf Deckenkränen, die ferngesteuert bedient werden. Trotzdem: Die Kommissionierer müssen immer höchste Konzentration zeigen! Und das besonders in der Nachtschicht, wenn die Leistungsbereitschaft des Körpers niedrig ist und die Zahl der Fehler steigt, so die Erkenntnis der Arbeitsmedizin.

 

Video: Sechs Stunden Schlaf braucht mein Körper

 

 

Meine Kinder nehmen Rücksicht darauf, wenn ich tagsüber schlafe.

Iskender Baser, Logistik-Facharbeiter und Schichtleiter

Strenger Tagesablauf

Der Logistik-Facharbeiter Daniel Albrecht (links) und sein Schichtleiter Iskender Baser

Wie man trotzdem von 22 Uhr spätabends bis 6 Uhr morgens hellwach und fit bleibt, wissen die zwei Kommissionierer Daniel Albrecht (39) und Iskender Baser (53). Die zwei haben höchst individuelle Strategien entwickelt, um ihre innere biologische Uhr an die Nachtschicht in der einen Woche und an die Spätschicht in der folgenden Woche anzupassen. Schichtleiter Baser hält sich beispielsweise diszipliniert an seinen strengen Tagesablauf – und zwar seit „10. April 1983, ab 7 Uhr morgens“, seinem ersten Arbeitstag am Duisburger Standort.

Rücksicht auf den Schlaf

Wenn Baser frühmorgens nach Hause kommt, geht er noch lange nicht ins Bett. Er liest Zeitung oder guckt die Nachrichten im TV. Er braucht diese Zeit, um abzuschalten und runterzufahren. So fällt die Last der Arbeit von ihm ab. Um 9 Uhr geht er ins Bett. Dann schläft er sechs Stunden ruhig und fest – mehr Schlaf benötigt er nicht. „Meine fünf Kinder nehmen Rücksicht darauf, wenn ich tagsüber schlafe. Meine Frau kümmert sich darum“, sagt der Logistik-Facharbeiter. Gegen 15 Uhr steht er auf, trinkt zuerst einen starken türkischen Tee und unterhält sich dann mit seinen Kindern – über die Schule, die Freunde und dies und das. Danach ruft die Pflicht: Einkaufen mit der Frau! Nach dem Abendessen geht’s schon wieder zur Arbeit.

Im Deutschen Zentrallager von Van Leeuwen in Duisburg können bis zu 80.000 Tonnen Stahl eingelagert werden. In drei Schichten werden viele Tonnen Stahl kommissioniert, die von Kunden aus dem Maschinenbau, der Automobil- und der Baubranche bestellt wurden. Van Leeuwen garantiert seinen Kunden eine termingerechte Lieferung.

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Schlaf auf Raten

Einen anderen Schlafrhythmus favorisiert sein Kollege Daniel Albrecht. Er legt sich sofort ins Bett, sobald er zu Hause ist. „Ich bin dann hundemüde.“ Gegen Mittag steht er wieder auf. Am späten Nachmittag gönnt er sich nochmals ein bis zwei Stunden für ein Nickerchen. Eine kleine Abendmahlzeit hilft ihm, die Nachtschicht besser durchzustehen und zwar ohne Kaffee. „Davon muss ich zu häufig auf die Toilette rennen.“ Und warum ist er ein Freund des Schlafs auf Raten? „Das ist doch eine feine Sache. Ich habe dann immer noch etwas Zeit für Familie und Freunde“, erzählt der Schalke-Fan.

Video: Bei Problemen immer ansprechbar

Manche Mitarbeitenden sind in den ersten zwei Tagen der Spätschicht müde und unkonzentriert, haben Kopfschmerzen oder schleppen sich durch den Tag.

Dr. Kathrin Küppers, Arbeitsmedizinerin und Betriebsärztin

Anstrengender Schichtwechsel

Mit dem Gabelstapler werden die schweren Stahlrohre transportiert.

Die Logistik-Facharbeiter in der Nachtschicht sind offenbar klassische Abendmenschen. Sie machen die Nacht zum Tag, schlafen dafür morgens. Studien aus der Arbeitsmedizin zeigen, dass Abendmenschen besser mit Schichtarbeit klarkommen. Das trifft für Albrecht, Baser und ihren Kollegen Turan Canpolat, den wir später treffen, zu. Nur: Fünf Tage Nachtschicht, danach fünf Tage Spätschicht – dieser Wechsel ist anstrengend. „Man merkt das die ersten zwei Tage in der Spätschicht, aber danach ist wieder alles okay“, erzählt Albrecht. Das hat auch die Arbeitsmedizinerin Dr. Kathrin Küppers beobachtet. Sie betreut die 200 Beschäftigten von Van Leeuwen als Betriebsärztin. „Manche Mitarbeitenden sind in den ersten zwei Tagen der Spätschicht müde und unkonzentriert, haben Kopfschmerzen oder schleppen sich durch den Tag“, berichtet sie und rät den Betroffenen, nicht nur auf einen regelmäßigen Schlafrhythmus zu achten, sondern auch auf ein ruhiges Schlafumfeld und einen langen Wochenendschlaf. Chronische Schlafstörungen seien bei den Schichtarbeitern bislang aber nicht aufgetreten.

 

Nach vorn rollieren

Thorsten Müller, Geschäftsführer Deutschland bei Van Leeuwen für Operations & Qualitätsmanagement

Optimal wäre es, wenn der Schichtwechsel nach vorn rollieren würde – also nach der Früh-, die Spät- und dann erst die Nachtschicht – und nicht umgekehrt. Die Belegschaft ist jedoch dagegen – noch. Der Grund: „So haben wir einfach mehr vom Wochenende“, erzählt Schichtarbeiter Albrecht. Die Nachtschicht endet nämlich am Freitagmorgen um 6 Uhr, die Spätschicht beginnt aber erst wieder am Montagnachmittag um 14 Uhr. Die Geschäftsleitung weiß, dass die Arbeitsmedizin das vorwärts rotierende Schichtsystem favorisiert. „Deswegen würden wir es ja gern einführen. Aber alle Beteiligten müssen von den arbeitsmedizinischen Gründen und den gesundheitlichen Vorteilen überzeugt  sein“, erzählt Thorsten Müller, Geschäftsführer Deutschland bei Van Leeuwen für Operations & Qualitätsmanagement. Mit den Schichtführern und dem Betriebsrat werde sehr intensiv darüber diskutiert – eine Entscheidung stehe noch aus.

Video: Vor der Arbeite lege ich mich noch mal hin

Die ersten zwei Tage in der Spätschicht sind anstrengend.

Daniel Albrecht, Logistik-Facharbeiter

Aktuelle Herausforderungen

Der Kommissionierer Turan Canpolat

Besonders jetzt in Zeiten der Pandemie und des Fachkräftemangels sind gesunde und hellwache Beschäftigte für den Stahlrohrgroßhändler besonders wichtig. „Unsere Branche steht wegen der weltweiten Lieferengpässe unter Druck“, sagt Andreas Schmidt, Geschäftsführer Deutschland bei Van Leeuwen für Verkauf & Controlling. Die Kunden erwarten jedoch, dass die bestellte Ware trotzdem pünktlich geliefert wird. „Das ist auch unser Lieferversprechen. Diese Herausforderung schaffen wir aktuell, weil wir uns alle anstrengen und partnerschaftlich miteinander umgehen“, ergänzt Müller. Dazu gehören auch gute und sichere Arbeitsbedingungen für die Schichtarbeiter in der Lagerkommissionierung. „Wir können von den Kollegen nicht verlangen, auf Dauer sechs Schichten am Stück zu machen. Das wäre zermürbend und könnte zu Fehlern führen.“ Und die sind in der Warenkommissionierung ein Graus – in der Nachtschicht aber wohl eher selten, so die Geschäftsleitung.

Vielleicht liegt das an den besonderen Typen, die nachts bei Van Leeuwen arbeiten. Auch Turan Canpolat gehört dazu. Der junge Kommissionierer bedient den Säge-Automaten, mit dem sogenannte Spaghetti-Stangen zugeschnitten werden – auf den Millimeter genau und das mindestens 800 Mal in jeder Schicht. „Fehler mache ich nicht, weil ich bis zum Schichtende immer hellwach bin“, sagt er und strahlt. Die Hallenuhr zeigt 23.30 Uhr an.

Das niederländische Stahlrohrhandelsunternehmen Van Leeuwen wurde 1924 von Piet van Leeuwen gegründet. Das Kerngeschäft ist der Handel mit Stahlrohren und verwandten Produkten. Heute ist das Unternehmenin 33 Ländern weltweit vertreten
– von Europa und dem Nahen Osten über Australien und Asien bis Nord- und
Südamerika. Im Jahr 2019 übernahm Van Leeuwen die Stahlhandelssparte des Automobilzulieferers Benteler. Dazu gehört auch der Standort im Duisburger Hafen. Hier sind mehr als 200 Menschen beschäftigt.

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