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Noch ganz Ohr?

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Lärmschwerhörigkeit ist die häufigste anerkannte Berufskrankheit. Die ersten Anzeichen werden oft falsch gedeutet. Wie Sie eine Hörminderung erkennen und wie Sie sich vor Hörverlust schützen, erklärt BGHW-Expertin Simone Wouterse.

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„Da hab‘ ich mich dran gewöhnt“ – dieser Satz sollte aufhorchen lassen, wenn es um Lärm geht. Denn wenn lautstarke Maschinen oder andere Lärmquellen am Arbeitsplatz gar nicht mehr stören, liegt eventuell eine beruflich verursachte Hörminderung vor. Der Beginn einer Lärmschwerhörigkeit – und damit einem langsamen Abschied aus dem gewohnten Leben.

„Kann mir nicht passieren“, denken alle, die noch gut hören. Solange das Gehör funktioniert, merkt man kaum, wie wichtig es ist. Der Austausch im Team klappt, der nahende Gabelstapler ist hinter dem Regal nicht zu sehen, aber zu hören. Und auch das Pausensignal kommt immer an.

Gut so, aber das bleibt nicht das ganze Arbeitsleben lang so. Denn das Hören ist Schwerstarbeit für die empfindsamen Haarzellen im Innenohr. Von jeder Schallwelle, die auf sie trifft, werden die feinen Härchen gebogen und müssen sich wieder aufrichten, um die nächste Schallwelle zu empfangen. Je mehr Zeit dazwischenliegt, desto besser für die Erholung der feinen Empfänger.

Hörverlust ist irreversibel

Doch was zu viel ist, ist zu viel: Bei Dauerlärm machen die Haarzellen früher oder später schlapp, sterben sogar ab. Die Schwingungen der Schallwellen, für die sie zuständig sind, werden dann schlicht überhört. Leider wachsen diese Haarzellen nicht mehr nach. Der Hörverlust ist endgültig.

Über das Früher oder Später entscheidet der Mensch, zu dem die Ohren gehören. Wer bei Arbeiten in einem ausgewiesenen Lärmbereich keinen Gehörschutz trägt oder diesen nur nachlässig ein- oder aufsetzt, verliert sein Hörvermögen eher früher. Und das passiert leider sehr vielen Menschen, die beruflichem Lärm ausgesetzt sind: Lärmschwerhörigkeit war in den letzten Jahrzehnten die häufigste anerkannte Berufskrankheit.

Hörgerät hilft nicht immer

„Dann schaff ich mir ein Hörgerät an“, wird dann gern gekontert. Das wird bei einer deutlichen Hörminderung notwendig sein. Doch wo keine Haarzelle im Innenohr mehr ist, da kann auch das Hörgerät keine Wunder bewirken. Es kann nur die empfangene Lautstärke hochfahren und so die Hörschwelle des geschädigten Ohrs überwinden. Auf Kosten der noch intakten Haarzellen, was zu einer noch stärkeren Lärmschwerhörigkeit führen würde. Daher dürfen im Lärmbereich normale Hörgeräte nicht getragen werden. Übrigens ist das Abstellen des Hörgerätes im Lärmbereich kein Ersatz für das Tragen eines Gehörschutzes.

„Ich hör nur, was ich hören will“, ist ein witziger Spruch, doch meist eine glatte Lüge Hörgeschädigter. Wir alle kennen Menschen, vielleicht Kolleginnen und Kollegen, die nicht mehr gut hören. Sie bekommen Gespräche nicht richtig mit und wirken dadurch häufig „verpeilt“. Sie nehmen Zurufe, Signale oder andere Geräusche nicht wahr oder können diese nicht richtig orten, wodurch sie planlos erscheinen oder –noch schlimmer – sich in Gefahr begeben.

Lebensqualität sinkt

Tatsächlich gilt: Weniger Hörvermögen, mehr Unfallgefahr. Dabei gefährden Hörgeschädigte nicht nur sich selbst, sondern auch andere. Beispielsweise wenn sie Fahrzeuge oder Maschinen führen, ohne ihre Umgebung mit allen Sinnen wahrzunehmen. Mit anderen Worten: Hörgeschädigte können bestimmte Tätigkeiten nicht mehr ausüben oder müssen in Einzelfällen sogar ihren Beruf aufgeben. Die geschilderten Einschränkungen gelten natürlich nicht nur für den Beruf, sondern auch für das Privatleben: In der Kneipe oder dem Restaurant Gesprächen folgen und mitreden können, zu Veranstaltungen gehen oder überhaupt mit einem sicheren Gefühl mobil sein – diese Lebensqualität geht für Lärmschwerhörige verloren.

Was tun bei Hörminderung?

Porträtbild von Simone Wourterse
Simone Wouterse, Referentin der BGHW für Berufskrankheiten

Drei Fragen an Simone Wouterse, Referentin der BGHW für Berufskrankheiten:

Woran ist zu erkennen, dass eine Kollegin oder ein Kollege im Lärmbereich nicht mehr gut hört?

Wenn jemand „unempfindlich“ gegen Lärm ist und sich nicht dagegen schützt, ist das ein Warnsignal. Auf jeden Fall sollten dann die für den Arbeitsschutz Verantwortlichen zusammen mit der Person prüfen, ob sie beim Tragen von Gehörschutz im Lärmbereich Signale und Gespräche noch richtig wahrnimmt. Eventuell passt der Gehörschutz nicht oder wird nicht richtig angewendet. Da kommt es auf die richtige Auswahl und Unterweisung an. Wenn eine Gefährdungsbeurteilung eine Tragepflicht ergeben hat, ist eine Auswahl von Gehörschutzstöpseln über „Mickymäuse“, also Kapselgehörschutz, bis hin zu individuell angepassten Otoplastiken ideal. Die Funktion jedes Gehörschutzes muss natürlich regelmäßig überprüft werden.

Was tun bei einer Hörminderung?

Wenn der Verdacht besteht, dass Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen – oder Sie selbst – weniger gut hören, muss das abgeklärt werden. Der erste Schritt ist, eine Hals-Nasen-Ohren-Ärztin oder einen -Arzt aufzusuchen und dort anzugeben, dass eine berufliche Lärmeinwirkung besteht. Diese werden, wenn sie Anhaltspunkte für einen beruflich verursachten Hörschaden haben, eine Verdachtsanzeige für eine Berufskrankheit an die BGHW senden.

Bereits mit den ersten Unterlagen geben wir der betroffenen Person ausführliche Informationen über das Entstehen und die Auswirkungen einer Lärmschwerhörigkeit sowie zum Gehörschutz an die Hand. Es wird geprüft, welcher Lärmeinwirkung die Person am Arbeitsplatz ausgesetzt ist und welche Schutzmaßnahmen erforderlich sind. Insbesondere bei Anerkennung einer Berufskrankheit findet eine Beratung vor Ort zum geeigneten Gehörschutz statt. Besser wäre: regelmäßig Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen, die Beschäftigten in Lärmbereichen angeboten werden müssen. Denn je früher eine Hörminderung festgestellt wird, desto besser lässt sie sich durch geeigneten Gehörschutz oder sonstige Lärmminderungmaßnahmen aufhalten.

Kann eine hörgeschädigte Person noch in einem Lärmbereich arbeiten?

Ja, wenn sie die ärztlichen und arbeitstechnischen Ratschläge befolgt, Gehörschutz schon bei niedrigen Schallpegeln trägt – für Hörgeminderte besteht die Tragepflicht schon bei durchschnittlich 80 Dezibel pro Arbeitsschicht. Die Führungskraft, am besten auch Kolleginnen und Kollegen, müssen informiert sein. Für hörgeschädigte Personen, die am Arbeitsplatz auf ein gutes Gehör angewiesen sind, gibt es auch spezielle ICP-Hörgeräte, die im Lärmbereich getragen werden dürfen. „ICP“ steht für „Insulating Communication Plastic“ , eine spezielle Schutzlösung für Menschen mit Hörminderung am Lärmarbeitsplatz.

Ist ein ICP-Hörgerät erforderlich, werden bei einer beruflich bedingten Lärmschwerhörigkeit die Kosten von der BGHW übernommen. Nach Feierabend dann lieber alles vermeiden, was noch mehr Lärm auf die Ohren gibt wie laute Musik oder Maschinen beim Heimwerken. Hier gilt wie am Arbeitsplatz: Gehörschutz tragen!

 

Gehörschutz funktioniert nur, wenn er richtig genutzt wird – wie das geht,

können Sie leicht im Lernportal der BGHW herausfinden.

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