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Psyche im Blick – Expertinneninterview

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Das Wichtigste im Überblick

  • Esin Taskan (DGUV) und Kathrin Schwarzmann (BGHW) sprechen über den Handlungsleitfaden „Psychische Belastung und Beanspruchung von Beschäftigten während der Coronavirus-Pandemie“, den sie für die Unfallversicherungsträger mit einem Team von Arbeitspsychologinnen und -psychologen herausgegeben haben.
  • Der Handlungsleitfaden gibt Unternehmen Orientierung und unterstützt Aufsichtspersonen bei ihrer Beratung in den Betrieben.
  • Unternehmen, die sich bereits vor der Pandemie präventiv mit psychischen Belastungen und entsprechenden Maßnahmen befasst haben, kommen mit den Auswirkungen der Pandemie besser zurecht.
  • Psychisch belastete Beschäftigte sollten Therapieangebote erhalten. Unternehmen können dafür beispielsweise Online-Coachings in Form von Employee Assistance Programs (EAP) anbieten.
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Was können Unternehmen tun, um ihre Beschäftigten vor psychischen Belastungen während der Corona-Pandemie zu schützen? Ein Leitfaden der Unfallversicherungsträger gibt Orientierung. Esin Taskan von der DGUV und Kathrin Schwarzmann von der BGHW dazu im Gespräch. 

Frau Taskan, Frau Schwarzmann, Sie haben im Juli 2020 in Zusammenarbeit mit weiteren Arbeitspsychologinnen und -psychologen der Unfallversicherungsträger den Handlungsleitfaden „Psychische Belastung und Beanspruchung von Beschäftigten während der Coronavirus-Pandemie“ herausgebracht. Wie haben die Unternehmen reagiert?

Esin Taskan: Durchweg sehr positiv, das belegen auch die hohen Downloadzahlen des Leitfadens. Die Verantwortlichen für Sicherheit und Gesundheit in den Betrieben waren froh über diese Orientierungshilfe.  

Eignet er sich auch für kleine Unternehmen? 

Kathrin Schwarzmann: Die Handlungshilfe richtet sich an alle Unternehmen, unabhängig von der Größe, denn schließlich sind die einzuhaltenden Regeln wie Abstand, Maske, Belüftung usw. für alle gültig. Aber es stimmt natürlich, dass kleinere Unternehmen ganz oft weder das Personal noch die Zeit haben sich eine so komplexe Handlungshilfe ausreichend durchzulesen. Unsere Aufsichtspersonen sind aber immer auch persönlich ansprechbar und können Hilfestellung geben. Natürlich können Mitgliedsbetriebe sich auch persönlich an mich wenden, eine kurze, persönliche Beratung bei der alle Fragen zur Psychischen Belastung und Corona direkt beantwortet werden können ist manchmal auch etwas unkomplizierter.

Wie ist der Status Quo der psychischen Belastungen in den Mitgliedsunternehmen?

Esin Taskan: Wir tauschen uns ständig aus. In jeder Besprechung sind die psychischen Belastungen in der Pandemie Thema. Außerdem gab es dazu zwei virtuelle Erfahrungsaustausche mit Vertretern von Bund, Ländern und Unfallversicherungsträgern. Das Fazit: Die Branchen sind in der Pandemie unterschiedlich stark gefordert. Im Einzelhandel beispielsweise wurde häufig über Probleme mit Kundinnen und Kunden berichtet, die Hygiene- und Abstandsregeln nicht einhalten wollen. In der Gastronomie und bei den Friseuren hingegen waren Existenzängste allgegenwärtig. Als ein besonders wichtiges Thema wurde auch die Arbeit im Homeoffice identifiziert. Hier mussten menschliche Beziehungen und technische Voraussetzungen plötzlich neu geordnet und sortiert werden. 

Wie kommen die Unternehmen zurecht?

Esin Taskan: Wir beobachten, dass Betriebe, die die psychische Belastung bereits mit Maßnahmen berücksichtigt haben, die Pandemie gut bewältigen. Sie haben angesichts der neuen Herausforderungen schnell Lösungen gefunden und umgesetzt, weil die soziale Unterstützung im Team stimmte, Verantwortlichkeiten klar benannt waren und Beschäftigte Handlungsspielräume hatten. In Betrieben, wo bereits vor der Pandemie diese Dinge nicht funktionierten, verstärkten sich die Missstände. 

Was brauchen die Mitgliedsbetriebe jetzt? 

Kathrin Schwarzmann: Wir müssen ihnen signalisieren, dass wir für sie da sind und – wo möglich – sie unterstützen. Psychische Belastung müssen wir gar nicht immer explizit ansprechen. Ein offenes Ohr reicht, dann kommt das Thema von ganz allein. Ich mache die Erfahrung, dass Unternehmerinnen und Unternehmer regelrecht sprudeln und über ihre Erlebnisse berichten, wenn ich ihnen zuhören. Wertschätzung für das, was die gebeutelten Unternehmen in den vergangenen Monaten alles auf die Beine gestellt haben, ist außerdem wichtig.

Kathrin Schwarzmann, Arbeits- und Organisationspsychologin bei der BGHW

Mitgliesbetriebe können sich bei Fragen zur psychischen Belastung direkt an mich wenden.

Kathrin SchwarzmannArbeits- und Organisationspsychologin, BGHW

Welche Therapieangebote gibt es für psychisch belastete Beschäftigte?

Esin Taskan: In besonders geforderten Branchen bieten die Unfallversicherungsträger zum Beispiel Online-Coachings, um Beschäftigte zu unterstützen. Grundsätzlich kann jeder Betrieb das Thema selbst in die Hand nehmen. Professionelle Dienstleister bieten sogenannte Employee Assistance Programs (EAP) an. Kauft ein Unternehmen einen solchen Dienst ein, können sich Beschäftigte mit ihren Problemen an das EAP wenden und erhalten von professionellen Therapeutinnen und Therapeuten Unterstützung. Der Betrieb erhält am Ende eine Rechnung in Höhe des Umfangs, in dem die Belegschaft den Dienst genutzt hat. Wer von den Beschäftigten Hilfe in Anspruch nimmt, bleibt geheim.

Die psychischen Folgen der Corona-Pandemie werden immer stärker in der Öffentlichkeit diskutiert. Hat Corona geholfen, psychische Belastungen und gegebenenfalls Erkrankungen weniger zu stigmatisieren? Was erhoffen Sie sich für den Arbeits- und Gesundheitsschutz?

Esin Taskan: Die Auswirkungen der psychischen Belastung durch Corona sind in vielen Betrieben dem Infektionsschutz untergeordnet. In der Regel versuchen die Betriebe die Hygiene und Abstandsregeln einzuhalten und zu etablieren. Auch wenn unsere Handlungshilfe hohe Downloadzahlen aufweist, ist der Eindruck auch der Kolleginnen und Kollegen, dass die Bedeutung des Themas für ein gut funktionierendes Zusammenarbeiten noch nicht ausreichend erkannt wird. Wenn Verantwortlichkeiten klar geregelt sind, Führungskräfte den Ängsten der Beschäftigten Raum geben und transparent kommunizieren, wo der Betrieb steht, dann ist das ein erster wichtiger Schritt, die psychische Belastung zu verringern. Wenn dann noch mögliche Probleme bei der Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln besprochen und mögliche Lösungen gemeinsam ersonnen werden, sind die Beschäftigten mit im Boot und entwickeln automatisch auch Ideen, um die psychische Belastung im Betrieb zu verringern. Daher ist es von hohem Nutzen, diese Themen routinemäßig anzusprechen, und zwar direkt von Seiten des Arbeitgebers aber auch von den Verantwortlichen für Sicherheit und Gesundheit im Betrieb.

Werden Sie bei der DGUV verstärkt das Thema Resilienz anschieben?

Esin Taskan: Wir nehmen in erster Linie die Gefährdungen in den Blick, weil es unser Ziel im Arbeitsschutz ist, Unfälle und Krankheiten zu verhindern. Z.B. die Schaffung von ausreichend Kommunikation, vor allem weil wir in der Pandemie angehalten sind, auf Distanz zu gehen, Besprechungen evtl. ausfallen oder die Menschen vor ihren Computern zuhause allein sitzen. Aus der Psychologie wissen wir aber auch, dass die Schaffung von Ressourcen wichtig ist, um für solche Notfälle, wie diese Pandemie, gerüstet zu sein. Der neue Fehlzeitenreport 2021 macht diese auch deutlich. Betriebe, die ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen, sind auch in schwierigen Zeiten besser geschützt. Daher ist es auch unser Ziel, Gefährdungen frühzeitig zu erkennen und anzugehen aber gleichzeitig auf die betrieblichen Ressourcen hinzuweisen und diese zu fördern. 

Porträt Esin Taskan, Leiterin Sachgebiet Psyche und Gesundheit in der Arbeitswelt bei der DGUV

Stimmt die soziale Unterstützung im Betrieb, kommen alle mit der psychischen Belastung besser zurecht!

Esin TaskanLeiterin Sachgebiet Psyche und Gesundheit bei der DGUV

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