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Psychische Belastung im Blick

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Kathrin Schwarzmann leitet das Referat Arbeits- und Organisationspsychologie bei der BGHW. Unter Federführung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) hat sie das Thema Psychische Belastung während der Corona-Pandemie zusammen mit anderen Fachleuten aufgearbeitet. Herausgekommen ist eine Handlungshilfe mit Checkliste, um am Arbeitsplatz den Blick auf dieses sensible Thema zu lenken.  Denn die zentrale Frage lautet: Wie kann die Arbeit gut gestaltet werden, damit die Gesundheit der Beschäftigten nicht gefährdet wird?

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Ob Maske tragen, Abstand halten, Angst vor Ansteckung oder vor Jobverlust: Die Corona-Pandemie ist ein Stresstest fürs Miteinander. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie Verantwortliche für Sicherheit und Gesundheit in den Betrieben sind mehr denn je gefordert, die psychische Belastung ihrer Beschäftigten im Blick zu haben. Ein Interview mit Kathrin Schwarzmann, Arbeitspsychologin bei der BGHW.

Kathrin Schwarzmann, Arbeitspsychologin bei der BGHW
Kathrin Schwarzmann, BGHW

Frau Schwarzmann, was bedeutet der Begriff „psychische Belastung“?

Im täglichen Gebrauch verwenden wir das Wort „Belastung“ meist in einem negativen Zusammenhang. Aber psychische Belastung ist zunächst einmal weder negativ noch positiv. Im eigentlich Sinn bedeutet „psychische Belastung“, dass eine Sache von außen auf den Menschen einwirkt und ihn psychisch beeinflusst. Es handelt sich also primär um die Frage: Wie sind die Arbeitsbedingungen gestaltet und welche Auswirkungen haben sie auf die Einzelne oder den Einzelnen?

 

Wie kann sich die „psychische Belastung“ bei der Arbeit auswirken?

So unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich wirkt sich auch die psychische Belastung aus. Positive Folgen sind zum Beispiel ein Gefühl der Zufriedenheit mit der Arbeit oder die Weiterentwicklung von Fähigkeiten. Viele kommen gut durch die Krise, weil sie persönliche Ressourcen haben, wie stabile soziale Beziehungen, Unterstützung oder Stressresilienz. Die psychische Belastung kann aber auch negative Folgen haben. Gerade die veränderte Arbeitssituation durch die Coronapandemie bringt Belastungen, die vorher nicht oder in nicht so ausgeprägter Form existierten.  Die Gefahr, dass die Beschäftigten dann psychische Störungen, wie Angststörungen, Schlafstörungen oder Depressionen entwickeln, erhöht sich, je länger der Ausnahmezustand anhält.

Belastung Corona Infografik

Vor welchen psychischen Herausforderungen stehen Beschäftigte durch die Corona-Pandemie?

Beschäftigte können durch die Verdichtung der Arbeit und Mehrarbeit infolge kranker Kolleginnen und Kollegen stark belastet sein. Manche leiden an körperlichen Beschwerden, wie Magen-Darm-Problemen, Kopfschmerzen oder Atembeschwerden. Sie schlafen schlecht und können gedanklich nicht von den Ereignissen des Arbeitsstages abschalten. Andere wiederum sind unterfordert, da sie zu wenig Arbeit haben. Emotional kann man sich in der Krisensituation zum Beispiel ständig gehetzt und unter Druck fühlen und gar nicht mehr zur Ruhe kommen. Dann werden auch mal Pausen, die der Erholung dienen, vergessen. Ebenso belastet die Angst, sich auf der Arbeit oder auf dem Weg dahin mit dem Coronavirus anzustecken sowie die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. Hinzu kommen womöglich Gefühle von Einsamkeit im Homeoffice oder in Quarantäne, von Überforderung durch die neue Arbeitssituation sowie der Spagat zwischen Beruf und Familie.

Wie unterstützt die Handlungshilfe die Verantwortlichen für Sicherheit und Gesundheit in den Betrieben?

Die Handlungshilfe unterstützt dabei, die psychische Belastung der Beschäftigten zu erkennen und Schutzmaßnahmen festzulegen.Sie enthält in einer Checkliste 14 Belastungsfaktoren, wie zum Beispiel der Handlungsspielraum, die emotionale Inanspruchnahme, die Arbeitsplatz- und Informationsgestaltung, das Verhalten von Vorgesetzen  oder das Thema Kommunikation.  Auch die Belastungsfaktoren Arbeitszeit, Arbeitsablauf  und Arbeitsmittel  sowie die Themen Verantwortung und Qualifikation werden behandelt. Zu jedem Belastungsfaktor werden Gefährdungen aufgezeigt. Schließlich enthält die Handlungshilfe mögliche Schutzmaßnahmen, die der Arbeitgeber ergreifen kann, um negative Folgen für die Beschäftigten zu vermeiden.

 

Nennen Sie bitte ein Beispiel, wie dies praktisch aussehen kann.

Nehmen wir den Belastungsfaktor „Information“. Im Betrieb kann zum Beispiel während der Corona-Pandemie ein ungünstiger Informationsfluss – in Form von zu vielen, zu wenigen oder widersprüchlichen Informationen – vorherrschen. Ebenso werden Informationen nur unvollständig weitergegeben, zum Beispiel zu Hygienestandards oder zur Verfügbarkeit und Verwendung von Persönlicher Schutzausrüstung. Schutzmaßnahmen wären jetzt klare Informationswege und -routinen. Wer braucht welche Informationen? Wie wird erreicht, dass die relevanten Informationen zeitnah die Beschäftigten erreichen? Wichtig ist auch, kontinuierlich und transparent aus seriösen Quellen zu informieren. Dazu zählen das Robert-Koch-Institut, das Bundesgesundheitsministerium oder die BGHW. Für den wechselseitigen Austausch eignen sich dann Teammeetings oder virtuelle Treffen.

 

Wie können Vorgesetze die psychische Gesundheit der Beschäftigten stärken?

Menschen bleiben in der Auseinandersetzung mit Belastungsfaktoren eher gesund, wenn sie ihre Arbeitssituation verstehen, handhaben und als sinnvoll begreifen können. Wer als Führungskraft die psychische Gesundheit seiner Beschäftigten stärken will, sollte selbst als gutes Beispiel vorangehen und dies für sich bejahen. Die Kommunikation mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sollte klar, informativ und aufmunternd sein, um Ängste zu reduzieren. Sie sollte zeitnah zu Pandemieauswirkungen, Schutz des Personals, dem Umgang mit Infektionen und der Anleitung zur Selbstfürsorge erfolgen.  

Belastungen und Gefühle offen ansprechen zu dürfen und von Führungskräften Unterstützung zu erhalten – das kann bereits entlastend wirken.  Darüber hinaus sollte auf eigene Unterstützungs- und Beratungsangebote hingewiesen werden, aber auch auf externe Hilfen wie seelsorgerische Angebote. Nicht zuletzt ist es wichtig, dass die Beschäftigten in allen Phasen der Pandemie gut in die betriebliche Organisation eingebunden sind. Gerade im Homeoffice ist regelmäßiger Kontakt entscheidend, damit sich niemand „abgehängt“ fühlt.

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