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Schritt für Schritt mit dem Exoskelett

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Exoskelette sind mehr als Arbeitshilfen für das Heben und Tragen schwerer Lasten. Als Hilfsmittel für Therapiezwecke helfen sie Querschnittsgelähmten, Körper und Geist zu stärken. So auch bei Marcus Kriegel, einem BGHW-Versicherten aus Aachen.

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Als wäre es schon auf ihn eingestimmt, scheppern die Worte aus dem Radio des Übungsraumes: „I’m going where the sun keeps shining through the pouring rain“ (Ich gehe durch den strömenden Regen dorthin, wo die Sonne immer scheint). Hier bereitet Marcus Kriegel im Gangtrainer seine Muskeln auf das heutige Date mit dem Exoskelett vor.  Es wirkt, als würde er auf einem Laufband gehen, wären da nicht die verräterischen Gurte, die sein gesamtes Gewicht tragen. Seine Beine werden bewegt, aber nicht von ihm selbst. Marcus Kriegel ist ab dem dritten Brustwirbel abwärts gelähmt.

 

Nach Wegeunfall zurück ins Leben

Früher glitt er auf dem Snowboard den Berg hinab und fuhr mit Skateboards durch Aachen. Heute bewegt er sich zwar auch auf Rollen, allerdings im Rollstuhl und weniger rasant. „Den Menschen auf der Straße nur auf den Hintern zu gucken, ist nicht erstrebenswert“, sagt er und stemmt dabei die trainierten Arme gegen die Haltestangen, um sich aufzurichten. Im Januar 2017 verunfallte der heute 45-Jährige auf einer Dienstreise schwer. Er führte damals ein kleines Unternehmen und war gesetzlich unfallversichert. Für Kriegel stand schnell fest, dass er sich nicht einfach seinem Schicksal ergeben wollte, an einen Rollstuhl gefesselt zu sein. Er begann sich in ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zurück zuarbeiten. Dabei wird er bis heute von der BGHW „aus einer Hand“ und mit allen geeigneten Mitteln unterstützt und gefördert. 

Test
Marcus Kriegel im Exoskelett mit seinen zwei Therapeuten während der Rehabilitation.
Reha-Trainer kontrollieren Exoskelett
Die Reha-Trainer kontrollieren das Exoskelett während der Rehabilitation.
Mann im Gangtrainer
Marcus Kriegel im Gangtrainer während der Rehabilitation.

Reha-Training mit Exoskelett

Wie im Song von Harry Nilsson scheint auch Kriegel sich nicht von seinem Umfeld ablenken zu lassen, denn Mitleid braucht er nicht. Bereits zehn Monate nach seinem Unfall hatte er einen neuen Job, nachdem er sein Geschäft aufgegeben hat. Seine Freizeit investiert er momentan hauptsächlich in Reha-Maßnahmen. Und dazu gehört seit knapp einem Jahr dreimal pro Woche das Training mit dem Exoskelett in der NRK Aachen Ambulante Neurologische Rehabilitationsklinik. Exoskelette waren ursprünglich eine militärische Erfindung, die sich die Medizin schnell zu eigen machte. Heute werden die Gehroboter in der Rehabilitation eingesetzt.

 

Körper und Geist beansprucht

Flott in die Gurte schlüpfen und losmarschieren wie im Kinofilm …, das klappt nicht. Zum Training gehört für Kriegel, sich alleine aus dem Rollstuhl zu hieven und auf dem Sitz zu halten, auf dem er sich dann ohne Hilfe alle Gurte des Exoskeletts anlegt. Inklusive Schuhwechsel. Das dauert nicht nur einige Minuten, sondern kostet auch Kraft. Diese Kraft muss Kriegel dauerhaft aufbringen können, denn das Training findet regelmäßig statt. 

 

Hilfe ja, Wunder nein

Das Exoskelett wird vollelektrisch betrieben, doch eins ist klar: Dadurch werden Querschnittgelähmte nicht wieder zu Fußgängern. Paraplegiker, Menschen, die beide Beine nicht mehr bewegen können, finden hier keine Heilung von ihrer Lähmung. Sie bekommen neben einem zielgerichteten körperlichen Bewegungs- und Ausdauertraining vor allem psychischen Halt. Und das nur, wenn sie mit der Lebenssituation, nicht mehr laufen zu können, grundsätzlich Frieden geschlossen haben. Depressive oder körperlich Geschwächte sind für ein Exoskelett-Training ungeeignet. 

Es ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, wieder aufrecht zu gehen.

Marcus KriegelBGHW-Mitglied

Vorteile und Erfolge

„Zu den positiven Nebeneffekten zählen auch die Bewegung des Darms und die neuropathische Schmerzreduzierung, die Streckspastiken nehmen ab“, erklärt Reha-Berater Stefan Kalisch, der Kriegel nun schon seit mehr als zwei Jahren begleitet. „Außerdem ist es ein unbeschreiblich schönes Gefühl, wieder aufrecht zu gehen“, ergänzt Kriegel und grinst. Und doch zeugen die surrenden Motorengeräusche bei jedem Schritt und die stete Begleitung von zwei Ergotherapeuten davon, dass das Exoskelett kein Alltagsgegenstand ist. Alleine darf Kriegel den Roboter nicht betätigen, zu groß ist die Unfallgefahr. Und so schreitet Kriegel lächelnd den Klinikflur entlang.

 

BGHW hat Entwicklung im Blick 

Therapeut Kevin Wüllenweber hat jeden Schritt Kriegels genau im Blick, während Kollege Robert Volkmer hinter seinem Patienten den Rücken des Skeletts beobachtet. Kriegel konzentriert sich unterdessen genau darauf, wohin er die Spezialkrücken setzt, die zum Gehroboter gehören. Ohne sie würde er das Gleichgewicht verlieren. Schon deswegen ist der Einsatz in den heimischen vier Wänden momentan undenkbar: Die Hände sind nicht frei und der Nutzer benötigt viel Platz. Die Entwicklung der Exoskelette schreitet schnell voran, sodass es noch viele Potenziale und Chancen gibt. Mit deren Entdeckung gehen aber auch Fragen zur Sicherheit einher. „Wir behalten die Entwicklung genau im Blick“, sagt BGHW-Reha-Berater Kalisch. Bislang ist Kriegel aufgrund seiner physischen und psychischen Voraussetzungen der einzige BGHW-Versicherte, der mit dem Exoskelett dauerhaft trainiert.

Wir behalten die Entwicklung der Exoskelette genau im Blick.

Stefan KalischBGHW-Reha-Berater
BGHW-Reha-Berater schaut sich Umbau des Autos an
Markus Kriegel erklärt Reha-Berater Stefan Kalisch die angepasste Autoausstattung.

Hauptsache mobil

Kriegel ist mobil, und das in jedweder Weise. Mit dem Handbike, das ihm die BGHW bezahlt hat, ist er am liebsten im Aachener Umland unterwegs. Wenn es regnet, steigt er aufs Auto um. Das wurde komplett auf seine Bedürfnisse umgerüstet. Seither steuert er „wie damals mit dem Joystick am Computer“ sein Auto durch die Domstadt. Den Rollstuhl kann er vollelektrisch verstauen und ohne fremde Hilfe aus dem Auto aussteigen. „Zwar dauert es an der Tankstelle für die nachfolgenden Autofahrer auch mal etwas länger“, verrät er, „aber die Blicke sind eher neugierig als genervt.“ Und das beweist wieder einmal, dass „Everybody’s talking“ Kriegels Song sein muss, in dem es heißt: „People stopping, staring …“ (Menschen bleiben stehen, gucken …). Doch am ehesten zeichnet Kriegel aus, dass er sich nicht aufhalten lässt, als singe er: „Going where the weather suits my clothes“ (Ich gehe dorthin, wo das Wetter zu meiner Kleidung passt). Ein Motto, das seinem ähnelt: Er nimmt an, was nicht zu ändern ist, und geht damit Schritt für Schritt in die Zukunft – im wahrsten Sinne des Wortes, dank Exoskelett.

Ganzheitliche Rehabilitation und Leistung

Medizinische Rehabilitation: Nach einem Arbeits- oder Wegeunfall übernimmt die jeweilige BG alle medizinischen Leistungen zur Rehabilitation.

Nicht-medizinische Rehabilitation: Die BGHW unterstützt Betroffene ebenfalls dabei, wieder ins Berufsleben zurückzukehren und am sozialen und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Der betroffene Mensch steht im Mittelpunkt. Ziel ist es, seine Selbstbestimmung zu fördern. Dabei orientiert sich die BGHW an der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen.

Mögliche Leistungen: behindertengerechte Gestaltung des Arbeitsplatzes, Einsatz von Hilfsmitteln, Arbeitsassistenz, behindertengerechter Umbau der Wohnung oder des Autos, Betreuung im Alltag

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