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Unbekannte Verkehrsobjekte: Menschen auf dem Fahrrad

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Das Wissen über das Verhalten von Fahrradfahrern im Straßenverkehr ist begrenzt. Bekannt ist: Sie sind im Verkehr ungeschützt und können sich bei Unfällen schwer verletzen. Prof. Michael Raschke von der Universitätsklinik Münster hat diese Unfälle analysiert. Warum und wie verletzen sich Radfahrer und Radfarerinnen? Und wie können sie das verhindern?

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Das Fahrrad ist nicht das gefährlichste Verkehrsmittel, so die amtliche Unfallstatistik in absoluten Zahlen: Im Jahr 2019 verletzten sich 86.897 Radfahrer und Radfahrerinnen (zum Vergleich: 206.129 verletzte Autofahrer). Also eine gute Nachricht für alle Radler auf Deutschlands Straßen? Nicht unbedingt, wenn man sich genauer die Zahl der Verunglückten in den vergangenen fast 50 Jahren anschaut. Sie sank zwar von 531.895 (1970) auf 384.230 Verkehrsverletzte (2019), doch der Anteil von Radlerinnen und Radlern blieb immer konstant. Nach wie vor resultiert jeder fünfte Verkehrsverletzte aus einem Fahrradunfall, so die Statistik der Bundesanstalt für Straßenwesen. Die absolute Zahl der älteren verunglückten Radfahrer ist sogar angestiegen.

Jeder fünfte Verkehrsverletzte ist eine Radlerin oder ein Radler

Studie über verunfallte Radfahrer

Woran liegt das? Was sind die Faktoren für Verkehrsunfälle von Radfahrern? Und wie können diese Verletzungen vermieden werden? Mit diesen Fragen hat sich Prof. Dr. Michael Raschke von der Universitätsklinik Münster beschäftigt. Er hat mit seinem Team von der Klinik für Unfall- Hand- und Wiederherstellungschirurgie im Jahr 2013 die Unfälle von 2.777 Radfahrerinnen und Radfahren untersucht, die in Krankenhäusern und Kliniken von Münster und benachbarten Städten behandelt wurden. Die Ergebnisse hat die Bundesanstalt für Straßenwesen 2016 veröffentlicht. Raschke hat seine Studien inzwischen fortgesetzt und wird die neuen Ergebnisse in diesem Frühjahr präsentieren.

Was ist aufgefallen?

Die Studie hat unter anderem das Alter, das Fahrverhalten, die Unfallsituation und ihre Folgen untersucht und ist dabei auf interessante Fakten gestoßen:

1. Das Alter

Das Durchschnittsalter der verunglückten Radfahrer und Radfahrerinnen liegt bei 43 Jahren. Junge Erwachsene zwischen 15 und 24 sind am häufigsten an Unfällen beteiligt. Das Unfallrisiko ist für diese Altersgruppe hoch, weil sie häufiger als andere Altersgruppen das Rad nutzt – für den Weg zur Schule, Universität oder Arbeit –, und sich riskanter verhält, indem sie sich beispielsweise durch die Benutzung ihres Smartphones ablenken lässt. Das Verletzungsrisiko steigt übrigens mit dem Alter. Radfahrer über 64 Jahren verletzen sich bei einem Unfall schwerer. „Dieser Trend hat sich fortgesetzt“, sagt Prof. Raschke und erklärt den Grund: „Ältere Radfahrer benutzen jetzt häufiger ein Pedelec. Die Technik und die Geschwindigkeit überfordern sie, dementsprechend verunsichert verhalten sie sich im Straßenverkehr.“

Das Unfallrisiko ist für junge Erwachsene zwischen 15 und 24 Jahren besonders hoch. Sie sind häufiger mit dem Rad unterwegs und verhalten sich riskanter.

2. Die Fahrräder

Die Fahrräder, mit denen Patienten einen Unfall hatten, waren mehrheitlich „normale“ Fahrräder (Trekking oder City-Bikes) oder Sporträder (Mountainbike oder Rennrad). Doch der Anteil der E-Bikes beziehungsweise Pedelecs wächst an. Zum Zeitpunkt der Untersuchung gaben zwar nur 2,6 Prozent aller Radfahrer an, ein E-Bike zu besitzen, aber unter den Unfallopfern waren es fünf Prozent E-Bike-Fahrer. Sie sind also zweimal so häufig unter den verunfallten Radlern zu finden.

 

3. Das Fahrverhalten

Riskante Verhaltensweisen sind häufig die Ursachen für Unfälle. Dazu gehört die falsche Benutzung von Wegen (Bürgersteige oder falsche Fahrbahnseite). Das wird bei Radfahrunfällen am häufigsten ermittelt. Alkoholisiertes Fahren oder das Überfahren einer roten Ampel werden selten angegeben. Das bestätigten auch die Verwarnungen durch die Polizei.

4. Die Unfallsituation

Die meisten Unfälle passieren bei Alleinfahrten, also ohne Einfluss eines anderen Verkehrsteilnehmers (44,5 Prozent). Ursachen sind oftmals der schlechte Untergrund (Schlamm, Eis oder Schnee). Kollisionen mit anderen Radfahrern oder Fußgängern ereignen sich häufiger als solche mit motorisierten Fahrzeugen (Pkw, Lkw oder Bus) – nur jeder achte Patient berichtet von einem Pkw als Unfallgegner (12,5 Prozent). Die meisten Unfälle passieren bei Trockenheit und Tageslicht – und das zu den Hauptverkehrszeiten an Wochentagen, also morgens und nachmittags. Am Wochenende dagegen in den Abend- und Nachtstunden – Ursache dafür sind sogenannte Kneipenfahrten. Übrigens: Knapp acht Prozent aller Radler waren innerhalb der vergangenen drei Jahre in mindestens einen Verkehrsunfall mit dem Fahrrad verwickelt. Unfallorte sind meistens die Straße (25 Prozent) oder der Radweg beziehungsweise Radfahrstreifen (24 Prozent).

Die meisten Unfälle passieren bei Alleinfahrten und zu den Hauptverkehrszeiten an Wochentagen, also morgens und nachmittags.

5. Die Unfallfolgen

Gut 80 Prozent der Radfahrer, die einen Unfall hatten, sind verletzt worden. Der Grund für den hohen Prozentsatz: Sie sind ungeschützt. Die Verletzungen waren überwiegend leicht und konnten ambulant behandelt werden. Dazu gehören beispielsweise Hautabschürfungen. Auch Verletzungen der oberen und unteren Extremitäten (zum Beispiel Frakturen von Hand, Ellbogen, Schulter, Rippe und Beinen) treten häufig auf. Bei stationär behandelten Patienten machen Kopfverletzungen den größten Anteil aus. In dieser Gruppe ist der Anteil der Menschen, die keinen Helm trugen, fast zehnmal größer als derjenigen, die mit Helm unterwegs waren.

Was ist zu tun?

Es sind also vor allem Jugendliche und junge Erwachsene sowie ältere Personen, die aus der Gruppe der verunfallten Radfahrer und Radfahrerinnen herausstechen. Als einer der Unfallfaktoren hat sich dabei das Fehlverhalten wie die Benutzung der falschen Straßenseite oder die Ablenkung durch Smartphones herauskristallisiert. Durch welche Maßnahmen könnte man dieses Verhalten abstellen? Die Studie von Prof. Raschke gibt folgende Empfehlungen:

  • mehr Verkehrssicherheitskampagnen, wie die der BGHW im Rahmen ihrer Kampagne „Gib mir Null!“
  • mehr Fahrradtrainings, um Regelkenntnisse bei den Radfahrern aufzufrischen     
  • bessere Radverkehrsinfrastruktur, damit die vorgesehenen Wege genutzt werden, anstatt regelwidrig zu fahren
  • bessere Kontrollen durch die Polizei, die Radfahrer auf ihr Fehlverhalten hinweist

Besonders bei älteren Menschen ist das freiwillige Tragen eines Helms stärker zu fördern.

Prof. Michael Raschke

Und wie können sich Radfahrer und Radfahrerinnen vor Verletzungen schützen? Dazu gibt die Studie eine klare Empfehlung: Sie sollten einen Fahrradhelm tragen, um schwere Kopfverletzungen zu verhindern oder zumindest zu reduzieren. Doch nach wie vor ist die Helmtragequote gering. Professor Raschke: „Besonders bei älteren Menschen ist das freiwillige Tragen eines Helms stärker zu fördern, weil in dieser Altersgruppe das Risiko einer schweren Kopfverletzung höher ist.“

Weitere Schutzmaßnahmen

Radfahrer und Radfahrerinnen können sich aber auch auf andere Weise schützen, zum Beispiel durch einen Airbag, der beim Aufprall den Kopf umgibt und dadurch den Helm ersetzt, oder durch eine Car-to-Bike-App mit einem GPS-Sender, die vor vor kritischen Situationen warnt. Kritisch sind zum Beispiel parkende Autos. In der Studie von 2016 fallen sie noch kaum ins Gewicht. Aber eine aktuelle Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) zeigt, dass durch die steigende Verkehrsdichte innerorts fast jeder fünfte Unfall mit einem Radfahrer oder Fußgänger im direkten oder indirekten Zusammenhang mit einem parkenden Auto steht. Dazu Prof. Raschke: „Der sogenannte holländische Griff könnte vermeiden, dass Autofahrer beim Öffnen der Tür ihres geparkten Pkw Radfahrer übersehen.“ Beim holländischen Griff öffnet der Fahrer seine Autotür mit der rechten statt mit der linken Hand. Dadurch dreht sich der Oberkörper automatisch nach links, so dass er eventuell vorbeifahrende Radfahrer im Blick hat. „Aber damit deutsche Autofahrer diesen Griff auch regelmäßig anwenden, müssen sie über dessen Nutzen noch mehr aufgeklärt werden“, sagt Raschke. Mit anderen Worten: Verkehrssicherheitskampagnen für alle Verkehrsteilnehmenden sind bitter notwendig, um den Anteil der Radfahrenden unter den Verkehrsverletzten langfristig zu senken. 

Der holländische Griff könnte vermeiden, dass Autofahrer beim Öffnen der Tür ihres geparkten Pkw Radfahrer übersehen.

Prof. Michael Raschke

Prof. Dr. Michael Raschke (61) ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie an der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster

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