ca. 3 Minuten Lesezeit

Vision Zero möglich machen

Verwandte Themen & Artikel

Das Wichtigste im Überblick

Trotz sinkender Zahlen bei den Verkehrsunfällen, den Getöteten und Verletzten in 2020, gibt es viel zu tun, damit die Vision von null Verkehrstoten eines Tages real wird. Dafür sind alle Akteure gefordert. Unternehmer sollten ihre Fahrzeuge mit lebensrettenden Fahrerassistenzsystemen ausrüsten und die Fahrerinnen und Fahrer im Umgang mit diesen modernen Systemen entsprechend geschult werden. Aber auch die Politik sei gefragt, um die Digitalisierung und eine moderne Logistik voranzutreiben, so die zwei Experten Jürgen Bönninger und Dr. Kristian Höpping im Interview mit »HUNDERT PROZENT«.

Symbol für Zusammenfassung des nachfolgenden Seiteninhalts
Portrait Jürgen Bönninger
Jürgen Bönninger, DVR-Mitglied und Geschäftsführer der FSD Fahrzeugsystemdaten GmbH

Die Zahlen bei den Verkehrsunfällen, den Getöteten und Verletzten sind 2020 rückläufig. Gibt es für Sie einen Grund, durchzuatmen?

Jürgen Bönninger: Auch wenn sich die Zahl der Unfälle verringert hat, die Folgen von Unfällen unter Beteiligung von Güterkraftfahrzeugen sind häufig dramatisch. Deutlich wird das bei den Rechtsabbiegeunfällen innerorts und bei Auffahrunfällen am Stauende. Trotz moderner Fahrerassistenzsysteme sind diese immer noch an der Tagesordnung. Die Anzahl der Verkehrstoten und Schwerverletzten ist einfach inakzeptabel. Die „Vision Zero“, also die Vision von null Verkehrstoten, muss weiterhin konsequent verfolgt werden.

Was müsste jetzt dringend getan werden?

Jürgen Bönninger: Alle Akteure sind gefordert. Unternehmer sollten ihre Fahrzeuge mit lebensrettenden Fahrerassistenzsystemen ausrüsten. Verbände sollten die Unternehmer sowie die Fahrerinnen und Fahrer im Umgang mit diesen modernen Fahrerassistenzsystemen entsprechend schulen. Auch die Politik ist gefragt. So sind zwar Abbiegeassistenten ab 2024 für alle neuen Busse und Lkw Pflicht. Für eine schnelle Durchdringung des Fuhrparks sollte jedoch ein verpflichtendes Nachrüsten aller Fahrzeuge mit diesen angedacht werden. Ein weiterer Aspekt: Seit Jahren plädiert der Deutsche Verkehrssicherheitsrat dafür, eine höhere Bremsleistung von Anhängern vorzuschreiben. Das Anheben der Grenzwerte für die Mindestabbremsung in den internationalen sowie nationalen Vorschriften ist seit Jahren überfällig.

Moderne Assistenzsysteme wie Notbrems-, Spurhalte- oder Abbiegeassistenten tragen erheblich zur Erhöhung der Verkehrssicherheit bei.

Jürgen Bönninger, Vorsitzender des Vorstandsausschusses Fahrzeugtechnik beim DVR
Portrait Kristian Höpping
Dr. Kristian Höpping, Projektingenieur bei FSD Fahrzeugsystemdaten GmbH

Warum sind technische Assistenzsysteme eigentlich so wichtig?

Jürgen Bönninger: Moderne Assistenzsysteme wie Notbrems-, Spurhalte- oder Abbiegeassistenten tragen erheblich zur Erhöhung der Verkehrssicherheit bei. Leider nützen die besten Systeme nichts, wenn sie deaktiviert werden oder in letzter Sekunde fälschlicherweise übersteuert werden. Mittlerweile sind die Assistenten sehr zuverlässig, Fehlauslösungen passieren nur noch selten. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass eine Deaktivierung der Systeme im Normalbetrieb zukünftig nicht mehr möglich sein soll.

Gibt es noch Potenziale bei den technischen Assistenzsystemen?

Kristian Höpping: Natürlich werden ständig neue Technologien erforscht und erprobt. So ermöglicht die Car2X-Kommunikation, dass Fahrzeuge Informationen an andere Verkehrsteilnehmer weitergeben, sie vorab vor möglichen Gefahren gewarnt werden oder selbstständig vor einer roten Ampel bremsen. Wir sind überzeugt davon, dass die Digitalisierung – seien es Fahrerassistenzsysteme, die Vernetzung der Fahrzeuge oder eine moderne Logistik – dazu beiträgt, die Sicherheit auf den Straßen zu erhöhen.

Es wird mehr Betriebs­bereiche geben, in denen Gütertransporte vollauto­matisiert unterwegs sind.

Dr. Kristian Höpping, Projektingenieur bei FSD Fahrzeugsystemdaten GmbH

Werden vollautomatisierte Fahrsysteme langfristig den Menschen hinter dem Lenkrad ablösen?

Jürgen Bönninger: Auf absehbare Zeit werden Menschen wohl noch benötigt, um Fahrzeuge zu führen. Hingegen sind vollautomatisierte Fahrzeuge in bestimmten Betriebsbereichen schon heute aus ingenieurtechnischer Sicht realisierbar und deren sicherer Betrieb auch verantwortbar. Dazu zählen sogenannte People Mover, mit denen ein Busverkehr auf ausgewählten Linien vollautomatisiert möglich ist. Das aktuelle Regelungsvorhaben der Bundesregierung soll genau dies rechtlich ermöglichen, was wir begrüßen.

Wie könnte die Zukunft der Güterkraftfahrzeuge bis 2040 aussehen?

Kristian Höpping: Es wird immer mehr Betriebsbereiche geben, in denen Gütertransporte vollautomatisiert unterwegs sein werden. Allerdings werden sich alle denkbaren Verkehrsszenarien und -situationen trotz umfangreicher und modernster Sicherheitsanalysen bei der Entwicklung der automatisierten Fahrfunktionen nicht von Anfang an vollständig abbilden lassen. So können wir künftige Änderungen der Straßenverkehrsordnung oder sich verändernde Verkehrsverhältnisse – etwa wegen der Zunahme des Radverkehrs in den urbanen Gebieten – bei einer Genehmigung von hoch- und volllautomatisierten Fahrzeugen heute noch nicht beurteilen und berücksichtigen. Folglich muss die Leistungsfähigkeit der automatisierten Fahrzeuge über die Jahre im Verkehr validiert und die Technologie dafür entsprechend entwickelt werden.

Jürgen Bönninger: Realistisch wird es bis 2040 noch viele Bereiche geben, bei denen ein Mensch das Fahrzeug steuern muss.

Das könnte Sie auch interessieren

Jetzt anmelden
Zurück nach oben springen

Ihr Kontakt zu uns

Wir freuen uns auf Ihre Anfrage!

Ansprechpartnersuche

Finden Sie durch die Eingabe Ihrer Postleitzahl Ihre Ansprechpersonen für Ihre Frage über unsere Ansprechpartnersuche

Oder richten Sie Ihre Anfrage per Kontaktformular an uns:
Kontaktformular