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Aus der Praxis: Erfolgreiche Zusammenarbeit der Regionaldirektion Nord der BGHW mit der Polizei Bremen

Rund viermal täglich kommt es im deutschen Handel zu meldepflichtigen Raubüberfällen. Meist sind die Täter männlich, häufig bewaffnet. Raubüberfälle bedeuten daher nicht nur materielle Verluste für das Unternehmen, sondern verursachen auch gesundheitliche und psychische Schäden bei allen Betroffenen, seien es Mitarbeiter oder Kunden. Keines der Opfer vergisst jemals, was ihm widerfahren ist. Um die Folgen posttraumatischer Belastungsstörungen zu minimieren, ist schnelle Hilfe notwendig. Seit 2006 kooperieren in Bremen BGHW und Polizei.
Aus der Praxis: Erfolgreiche Zusammenarbeit der Regionaldirektion Nord der BGHW mit der Polizei Bremen

v.l.: Kraft, Richter, Kowalewski, Ihnen

Allein im Land Bremen registrierte die Polizei im Jahr 2015 insgesamt 1215 Raubdelikte inklusive räuberischer Erpressung. Im Land Bremen ereigneten sich im Jahr 2015  6552 Diebstähle in Kiosken, Warenhäusern und Verkaufsräumen.  Die Zahlen sprechen für sich. Das Raubüberfallrisiko ist im Lebensmittelhandel und an Tankstellen besonders hoch.

Ladendiebe nutzen eine günstige Gelegenheit, verbunden mit der Vermutung, unbeobachtet zu sein. Oft kommt den Ladendieben die Unübersichtlichkeit und das Fehlen von Überwachungseinrichtungen im Geschäft zugute. Räuber sind häufig gewalttätig, daher ist eine zeitnahe Opferhilfe für die Betroffenen von großer Bedeutung. Nach einem Überfall wird die Polizei  alarmiert, aber nicht selten wird vergessen, auch die Berufsgenossenschaft zu informieren. Doch das ist wichtig, denn die BGHW bietet psychologische Hilfe und Beratung für Opfer von Raubüberfällen an. Daher hat am Standort Bremen die BGHW mit der Polizei Bremen bereits im Jahr 2006 eine Kooperationsvereinbarung getroffen. Darin ist festgelegt, dass die Polizei nach  einem Überfall auf ein Handelsunternehmen die BGHW informiert. Seit 2012 erfolgen  die Meldungen in einem Onlineverfahren über eine gemeinsam mit der Polizei entwickelte Onlineplattform.

Die BGHW im Gespräch mit Dorothea Kraft (Leiterin des  Referats Verkaufsstellen, Tankstellen und Fahrzeugwaschanlagen beim Fachbereich Handel und Logistik), Tobias Merbeth (Teamleiter der Prävention der Regionaldiretion Nord der BGHW), Gerd Richter, Ansprechpartner des Projekts Überfallmelder der Reha-Abteilung der BGHW), Reinalt Kowalewski  und Holger Ihnen (beide Mitarbeiter des Präventionszentrums der Polizei Bremen„Verhaltensorientierte Prävention“).

Wie kam die Zusammenarbeit mit der Polizei Bremen zustande?

Die Zusammenarbeit kam durch Zufall zustande. Mitte des letzten Jahrzehnts berieten  Polizei und Berufsgenossenschaft unabhängig voneinander in den besonders raubüberfallgefährdeten Einzelhandelsbetrieben wie Tankstellen, Drogeriemärkten und Kiosken Präventionsmaßnahmen zur Überfallvermeidung. Man entschloss sich daher zusammenzuarbeiten. Nach einem Überfall triff die Polizei meist als Erste auf die häufig  traumatisierten Beschäftigten des Einzelhandels. Die Betroffenen stecken das Erlebte nicht einfach weg und benötigen oft psychologische Hilfe. Wichtig ist allerdings,dass diese Hilfe schnell erfolgt und nicht Wochen später. Sobald die BGHW von dem Überfall erfährt, bieten wir  den Betroffenen schnelle Hilfe an: Nach der Meldung des Überfalls nehmen wir umgehend telefonisch Kontakt mit den betroffenen Mitarbeitern und Mitarbeiterinen auf und bieten diesen ein Beratungsgespräch durch speziell hierfür ausgebildete Psychologen an. Bei Bedarf organisieren wir darüber hinaus notwendige therapeutische Maßnahmen. Die Kosten der psychologischen Soforthilfe, wie auch der sich anschließenden  medizinisch-rehabilitativen Maßnahmen trägt die BGHW. „Leider wird oft vergessen die BGHW zu informieren“, erläutert Gerd Richter. „Wenn körperliche Verletzungen fehlen, wird ein Durchgangsarzt, auch ‚Unfallarzt‘ genannt, nicht aufgesucht. Arbeitsunfähigkeit tritt oft gar nicht oder erst mit deutlicher Verzögerung ein. Damit greifen die wichtigsten Meldemechanismen wie D-Bericht und Unternehmer-Unfallanzeige häufig nicht, zumal nicht jedem klar ist, dass eine psychische Belastung auch eine ‚Verletzung‘ in unfallrechtlichem Sinn ist. Dies erklärt, dass immer wieder Fälle psychisch traumatisierter Unfallversicherter der BG erst mit deutlicher Verzögerung bekannt werden und eine wirksame Hilfe durch die verlorene Zeit  erschwert ist. Ist das Leiden sogar im Sinne einer posttraumatischen Belastungsstörung, auch PTBS genannt, erst einmal chronifiziert, sind die Prognosen der therapeutischen Möglichkeiten deutlich reduziert. Vor diesem Hintergrund kann kein Zweifel an der Zweckmäßigkeit und Zulässigkeit eines Polizeimeldeverfahrens bestehen, auch wenn dieses (noch) nicht gesetzlich normiert ist. Durch den Überfallmelder (Kooperationsvereinbarung zwischen der Polizei in Bremen und der BGHW) erfährt die BGHW unverzüglich vom Gewaltereignis und kann den Betroffenen schnelle Hilfe anbieten“, ergänzt Richter.

Trotz intensiver Bemühungen ist der „Überfallmelder“ der Polizei des Landes Bremen mit den Ortspolizeistellen der Stadt Bremen und der Stadt Bremerhaven noch immer ein Pilot. Neben der BGHW konnten erfreulicherweise auf der „Entgegennahmeseite“ auch die

  • Berufsgenossenschaft  Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege in Delmenhorst,
  • Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gaststätten in Hannover,
  • Verwaltungs-Berufsgenossenschaft in Hamburg,
  • Berufsgenossenschaft Verkehr in Hannover,
  • Unfallkasse Freie Hansestadt Bremen

als weitere Kooperationspartner hinzugewonnen werden, so dass auch deren Versicherte im Bedarfsfall von einer rasch einsetzenden Hilfe profitieren. Als Kooperationspartner der ersten Stunde übernimmt die BGHW als Dienstleistung für die übrigen Unfallversicherungsträger die zentrale Entgegennahme aller Meldungen und das Entscheiden und Sortieren der Weiterleitungen nach der berufsgenossenschaftlichen Zuständigkeit. „Das können wir als Polizei keinesfalls leisten und sind sehr froh über die Bereitschaft der BGHW“, sagt Kowalewski.

Zum Wohle der Betroffenen könnten es sicherlich noch deutlich mehr beteiligte Kooperationspartner auf beiden Seiten werden, sind sich alle Anwesenden einig. Daran muss und soll weiter gearbeitet werden. Das elektronische Meldesystem „Überfallmelder“ ist jedenfalls in kluger Voraussicht auf viele zusätzliche Melde- und Empfangsstellen ausgelegt.

 

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