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Nicht hygienischer: Einmalhandschuhe an Bedientheken

ca. 3 Minuten Lesezeit

Das Wichtigste im Überblick

  • Saubere Hände sind immer besser als Einmalhandschuhe
  • Einmalhandschuhe gefährden die Hautgesundheit der Beschäftigten
  • Die BGHW leistet Aufklärungsarbeit und unterstützt Unternehmen bei der Umsetzung der Hygienekonzepte
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Der Verbrauch von Einmalhandschuhen an Frischetheken und Essensausgaben ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Damit einher ging der Anstieg berufsbedingter Hauterkrankungen. Eine fatale Folge übertriebener, falsch verstandener Hygiene: Denn das Arbeiten mit Handschuhen muss nicht hygienischer sein als das mit bloßen Händen. Im Gegenteil. Es vermittelt ein trügerisches Sicherheitsgefühl und kann der Haut schaden.

Die Corona-Pandemie hat in uns ein neues Hygienebewusstsein hervorgerufen, damit aber leider ein falsches Verständnis verstärkt. Vor allem im Lebensmittelhandel soll der Gebrauch von Einmalhandschuhen an Brot-, Käse- oder Fleischtheken den Kunden ein erhöhtes Hygienebewusstsein demonstrieren. „Wir bekommen von vielen Beschäftigten die Rückmeldung, dass Unternehmen und vor allem Kunden erwarten, dass Handschuhe getragen werden. Und genau hier liegt das Problem“, berichtet Alexander Tjaberings, Referent im Dezernat Einwirkungen und Berufskrankheiten bei der BGHW: „Das dauerhafte Tragen von Einmalhandschuhen an den Frischetheken oder Kassen bringt keinerlei Vorteile für die Hygiene.“ 

In Versuchen des Instituts für Arbeitsschutz (IFA) in Zusammenarbeit mit der BGHW wurde gezeigt, dass sich der Hauptumschlagplatz der Bakterien auf Oberflächen und Schneidebrettern befindet, auf denen mit den Lebensmitteln gearbeitet wird. Bei der Ansammlung von Bakterien auf den Handflächen wurde zwischen Personen mit und denen ohne Handschuhe keine Unterschiede festgestellt. Auch die lebensmittelrechtlichen Vorschriften verlangen – entgegen der weitverbreiteten Annahme – keine Handschuhe an Bedientheken. 

Hygienischer als Handschuhe: Gewaschene Hände

Den wenigsten Menschen ist bewusst, dass gründlich gewaschene oder desinfizierte Hände hygienischer sind als Einmalhandschuhe. Denn das Handschuhtragen wiegt die Beschäftigten in trügerischer Sicherheit: Medizinisches Personal trägt Einmalhandschuhe, um sich beispielsweise vor dem Kontakt mit Körperflüssigkeiten zu schützen. Doch wir verknüpfen Einweghandschuhe automatisch mit den sterilen Verhältnissen im Krankenhaus – ein Irrglaube. Hautschutzexperte Alexander Tjaberings warnt vor dem unreflektierten Gebrauch von Einmalhandschuhen: „Sie sind nur hygienisch, solange sie nicht mit Oberflächen in Berührung kommen.“ Während der Benutzung werden die Einweghandschuhe genauso kontaminiert wie eine unbedeckte Hand. Zudem bildet das feucht-warme Milieu in den Handschuhen einen idealen Nährboden für Keime, die schon beim kleinsten Riss unbemerkt austreten und das Produkt kontaminieren können. Hinzukommt, dass das Handschuhtragen die Beschäftigten zur Nachlässigkeit bei der normalen Hygienepraxis verleitet. Sie verlieren das Gefühl dafür, wann ihre Hände oder die berührten Gegenstände verunreinigt sind. Ohne Handschuhe werden die Hände dagegen häufiger gründlich gewaschen und eher Hilfsmittel wie Zangen, Gabeln oder Folien benutzt. 

Ständiges Handschuhtragen belastet die Haut

Ein weiteres, wichtiges Argument gegen das Tragen von Einmalhandschuhen: Sie gefährden die Hautgesundheit der Beschäftigten. Unter dem flüssigkeitsdichten Material beginnen die Hände schnell zu schwitzen, Feuchtigkeit kann nicht verdunsten. Dadurch quillt die Haut auf und verliert ihren natürlichen Schutz. Die Hautoberfläche wird durchlässiger für Krankheitserreger und Allergene. Sie wird anfälliger für Reizstoffe und kann empfindlicher auf die nachfolgende Hautreinigung reagieren. Trockene Haut, Juckreiz, Rötungen, aber auch langwierige Handekzeme können die Folge sein. Menschen mit empfindlicher Haut sind besonders gefährdet. 

Alexander Tjaberings, ist Referent im Dezernat Einwirkungen und Berufskrankheiten der BGHW, lehnt an einem Geländer und lächelt in die Kamera.

„Es ist grundsätzlich immer besser, mit sauberen Händen zu arbeiten als mit Einmalhandschuhen.“

Alexander Tjaberings, Referent im Dezernat Einwirkungen und Berufskrankheiten bei der BGHW

Hände desinfizieren ODER waschen

Die Beschäftigten an Bedientheken können einen einwandfreien Hygienestandard gewährleisten, indem sie ihre Hände mit einer pH-hautneutralen, duft- und farbstofffreien Waschlotion reinigen. Da durch das Händewaschen jedoch die hauteigenen und schützenden Fette ausgespült werden, trocknet die Haut schneller aus. Sind die Hände nicht sichtbar verschmutzt, ist die reine Desinfektion hautschonender. Auf keinen Fall sollte jedoch beides hintereinander erfolgen: „Das Schlimmste, was man seiner Haut antun kann –aber leider überall im Alltag beobachtet – ist das Händewaschen mit Seife und anschließendes Desinfizieren“, weiß Tjaberings. Dadurch wird die Haut doppelt belastet, das Risiko für starke Hautirritationen steigt und die eigentliche Wirkung des Desinfektionsmittels wird oft hinfällig.

Finger weg von Kombi-Präparaten!

Leider setzen immer noch viele Unternehmen auf kostengünstige und vermeintlich praktische Kombi-Produkte, die aus einem Spender fließen: Hautreinigende Seifen, die gleichzeitig desinfizieren sollen. Diese sind allerdings besonders hautgefährdend und sollten definitiv vermieden werden.

Einmalhandschuhe tragen – aber richtig

Bei bestimmten Arbeitsschritten sind Einmalhandschuhe dennoch unerlässlich. Beispielsweise im Umgang mit leicht verderblichen, reizenden oder säurehaltigen Lebensmitteln, z.B. beim Schneiden von Zitronen. Aber auch zum Schutz vor färbenden Inhaltsstoffen sowie bei Tätigkeiten, die starke Verschmutzungen mit sich bringen. Dafür geben die Hautschutzexperten der BGHW klare Empfehlungen:

  • Die Einweghandschuhe so wenig und so kurz wie möglich tragen.
  • Die Handschuhe nur über saubere und trockene Hände ziehen.
  • Um eine Durchfeuchtung der Haut zu verhindern, Einmalhandschuhe rechtzeitig wechseln und Tragepausen einlegen.
  • Unterziehhandschuhe aus Baumwolle können helfen, da diese bis zu einem gewissen Grad Feuchtigkeit aufnehmen.
  • Einweghandschuhe sollten selbstverständlich nicht wiederverwendet werden.
  • Defekte Produkte dürfen nicht weiterverwendet und müssen sofort entsorgt werden.
  • Vor längeren Pausen und nach der Arbeit fetthaltige bzw. feuchtigkeitsspendende Hautpflege auftragen.

Wichtig

Beim Arbeiten mit alkoholhaltigen Produkten oder speziellen Reinigungsmitteln wie Fettlöser oder Bremsenreiniger dürfen auf keinen Fall handelsübliche Einweghandschuhe getragen werden. Viele der reizenden Inhaltsstoffe können deren Oberfläche problemlos durchdringen und direkt auf die Haut einwirken. „Bei Reinigungsarbeiten und hautgefährdenden Tätigkeiten müssen spezielle Schutzhandschuhe getragen werden, die eine entsprechenden Durchbruchzeit für das verwendete Produkt besitzen“, so der Experte.

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Prävention und Aufklärung durch die BGHW

Damit Fehlinformationen hinsichtlich der Handhygiene in den Unternehmen nicht weitergetragen werden, beraten Aufsichtspersonen der BGHW bei den Hygienekonzepten und leisten Aufklärungsarbeit. „Wir schaffen beim Arbeitgeber das Verständnis dafür, dass es in der Regel nicht nötig ist, Einweghandschuhe zu tragen und dass diese ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln.“ Die Aufgabe des Außendienstes ist es außerdem zu prüfen, ob die richtigen Hautschutz-, Hautreinigungs- und Pflegemittel zur Verfügung stehen. Beschäftigte werden auch mit Blick auf individuelle, gesundheitliche Risiken am Arbeitsplatz beraten, beispielsweise bei vorhandenen Allergien oder Hauterkrankungen.

Unwissenheit der Gesellschaft immer noch ein Problem

„Dass viele Kunden voreingenommen sind und auf das Tragen von Handschuhen bestehen, kann bei den Beschäftigten großen psychischen Druck erzeugen“, erklärt Tjaberings. Deswegen sieht die BGHW sich ebenfalls in der Pflicht, den Unternehmen und ihren Beschäftigten Tipps im Kundenumgang an die Hand zu geben. Außerdem wird versucht, die Hygienekonzepte hinter den Bedientheken für die Kunden transparenter zu gestalten. "Ein Ziel ist es, dass ein Kundenbewusstsein dafür geschaffen wird, dass die Versicherten trotz Verzicht auf Einweghandschuhe hygienisch arbeiten. Vielleicht wird es dann sogar als eine Art von Qualitätsmerkmal angesehen.“

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